Freitag, 11. Dezember 2009

Die Regeln des Spiels

Als Blog-Betreiber möchte man ab und an auch mal das Glück haben, eine echte Neuigkeit zu verbreiten. Bei einer Sache, die vor zweieinhalb Wochen passiert ist, überlegt man sich schon zweimal, ob man damit nicht Eulen nach Athen trägt. Beim sogenannten "Climagate", also der Veröffentlichung gehackter Emails von Klimaforschern, war ich jedoch tatsächlich ernsthaft am überlegen, da ich davon erst gestern durch die Lektüre des Spiegel erfuhr. Ich frage mich, ob ich das durch Lernen und Prüfungsvorbereitungen verpasst habe, oder einfach dadurch, dass so eine Meldung von Mainstream-Medien einfach ausselektiert wird, da man gerade eine politisch korrekte Weltrettungs-Appell-Stimmung verbreiten möchte.

Falls ich tatsächlich nicht der letzte war, der davon hörte: Sogenannte "Klimaskeptiker" hackten sich in Universitätsserver, stahlen und veröffentlichten Emails von führenden Klimaforschern. Ob durch diese Mails nun der Klimawandel oder auch nur der Mensch als Ursache desselben als große Verschwörung entlarvt werden, ist ein anderes Thema, das eigentlich interessante an der Sache - und so sieht das auch der Spiegel - sind die Vorgehensweisen der Forscher, die durch diese Mails entlarvt werden. Offenbar wurde diskutiert, wie Kritiker bedrängt und deren Publikationen etwa aus dem Bericht des Weltklimarats und auch aus sonstigen Publikationen herausgehalten werden können. Der Direktor des Klimazentrums in Norwich, Phil Jones, schreibt in einer Email sogar, dass man notfalls sogar die Definition, was Peer-Reviewed-Literatur ist, ändern wolle, um Kritiker fernzuhalten. In dem Zusammenhang fordern nun deutsche Klimaforscher wie der in dem Medien sehr präsente Mojib Latif oder Hans von Storch mehr "Transparenz": In Zukunft sollten Leitautoren des Weltklimarats nicht mehr zu den dominanten Forschern eines Gebietes gehören, die dann den eigenen Veröffentlichungen und jenen ihrer Kumpels eine besonders starke Deutungskraft zuerkennen. (spiegel online)

Das alles wirft natürlich ein sehr interessantes Licht auf den Wissenschaftsbetrieb. Interessant sind auch die Reaktionen der Beteiligten sowie der Medien. Für RTL oder web.de und Co. ist das Ganze praktisch nicht existent. Zeitungen wie die taz bemühen sich um größtmögliche Relativierung. Die Broschüre The Rules of the Game, in der Strategien zur Beeinflussung der Öffentlichkeit beschrieben werden, sei beispielsweise auch vorher schon ganz öffentlich im Netz zugänglich gewesen.* Auf Seiten von jungen, bloggenden Wissenschaftlern gibt es den mittlerweile fast obligatorischen Zynismus: Auf Mike's Trick sind sie alle, alle reingefallen. Selbst die Gletscher und die Blümchen sind auf Mike's Trick reingefallen.# Ein Klimaforscher der NASA meint gar: Wissenschaft funktioniert ja nicht, weil wir alle so nett sind. Newton war vielleicht ein Arsch, aber seine Gravitationsgesetze gelten noch heute. Darin schwingt unverhohlen ein ziemlich fragwürdiges Moralverständnis mit. Wissenschaft ist das eine, Moral etwas ganz anders. Aber was ist, wenn die meisten führenden Wissenschaftler eines Gebietes "Ärsche" sind, und Veröffentlichungen eines Kollegen behindern, die nicht ins Bild passen? Dann können Fakten Fakten sein, und gelten wie sie wollen, veröffentlicht werden sie trotzdem nicht. Und Die Wissenschaft funktioniert nicht so, wie sie vielleicht könnte. Es ist fast so, als wolle man sagen: Selbst wenn wir uns wie Ärsche verhalten, so kämpfen wir doch für ein hehres Ziel, Die Wissenschaft. Da ist sowas wie Moral einfach mal nebensächlich.
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* Das gilt größtenteils auch für das sogenannte Wedge-Document des Discovery Institute, nur interessiert es da komischerweise niemanden.

# Ein Zynismus, der wie so oft auf Kosten der Realität geht. Es wird einfach unterstellt, dass alle "Klimaskeptiker jeglichen Klimawandel leugnen, was natürlich nicht stimmt. Es geht eher um das Detail der Ursache. Vergleichbar ist das mit Zeitungsberichten, die z.B. suggerieren wollen, dass Kreationisten die Artbildung etwa bei Hunden ignorieren.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hm, wenn sich der Autor wundert, dass er etwas verpasst hat, was durch die Medien ging und ihn von der Thematik (des Blogs) her eigentlich vielleicht interessiert hätte, dann wundere ich mich allerdings wiederum, warum er auf E-Mails mit Tipps grundsätzlich ebenso wenig reagiert wie auf Anfragen, ob er denn eigentlich an derartigen Tipps interessiert ist.

missing links hat gesagt…

Tut mir leid, aber an derartige Mails mit explizieten Tipps für den Blog kann ich mich tatsächlich nicht erinnern. Vor allem nicht zu diesem speziellen Thema. Aber wie ich im Beitrag und in einem Beitrag davor auch schrieb, hatte ich in den letzten Wochen so gut wie überhaupt keine Zeit, deshalb kann es auch einfach an mir liegen. Und die Medien, die ich konsultierte, brachten nichts davon, obwohl der Klimawandel ja Dauerthema ist.

Anonym hat gesagt…

Obwohl die Sache ja schon eine ganze Weile her ist, stecken doch gleich eine Reihe Fehler und Ungenauigkeiten in der Darstellung.

1. Es ist bislang nicht bekannt, wer für den Hack verantwortlich ist. Es wäre zwar nachvollziehbar, wenn es "Klimaskeptiker" gewesen wären, aber zumindest mir ist das als Fakt nicht bekannt.
2. Weder der Klimawandel als solches noch der menschliche Anteil werden in den Emails (die der Autor offenbar nicht einmal auszugsweise gelesen hat) als Verschwörung entlarvt.
3. Es wurde auch nicht diskutiert, den "peer-revie"-Prozess zu ändern - was auch gar nicht in der Macht der Beteiligten gestanden hätte. Sondern ein Schreiber äußerte sich frustriert angesichts der seiner Meinung nach miserablen Qualität eines Papers, dass er "es kaum ertragen könne, dieses im IPCC-Bericht zu sehen". Tatsächlich wurde es dann doch veröffentlicht.
4. Die Erwähnung von von Storch und Latif in einem Satz ist zumindest missweisend. Das Zitat zu den Lead-Autoren stammt ausschließlich von von Storch. Latif plädiert lediglich für einen besseren Zugang zu den Originaldaten: "Sonst werden uns die Vorwürfe der Klimaskeptiker ewig begleiten".

Ansonsten wundert es mich ein wenig, dass der Autor der Moral bei der Analyse der Emails einen so hohen Wert beimisst, aber offensichtlich gar kein Problem mit der Methode hat, wie die Emails beschafft wurden.
Den Rechner eines Forschungsinstituts zu hacken und die persönlichen Emails der Forscher (und der Menschen, mit denen diese korrespondiert haben) zu stehlen ist immerhin eine Straftat (und es war nicht der einzige Versuch kurz vor Kopenhagen). Aber hey, schließlich geht es darum, die große Verschwörung der Wissenschaft aufzudecken. Da ist sowas wie Moral einfach mal nebensächlich.

missing links hat gesagt…

Hallo Sherlock,

Obwohl die Sache ja schon eine ganze Weile her ist, stecken doch gleich eine Reihe Fehler und Ungenauigkeiten in der Darstellung.

Die Sache war schon eine ganze Weile her, als ich den Artikel geschrieben habe. Wer sich dafür interessiert hat, wird die genauen Details sicherlich in den zweieinhalb Wochen davor schon erfahren haben, und wird nicht von meinem Blog abhängig sein, der außerdem nicht Reuters ist.

1. Es ist bislang nicht bekannt, wer für den Hack verantwortlich ist. Es wäre zwar nachvollziehbar, wenn es "Klimaskeptiker" gewesen wären, aber zumindest mir ist das als Fakt nicht bekannt.

Vielleicht war es ja auch Al-Qaida oder gar Aliens? Und was ändert es, wenn es nicht "Klimaskeptiker" waren?

2. Weder der Klimawandel als solches noch der menschliche Anteil werden in den Emails (die der Autor offenbar nicht einmal auszugsweise gelesen hat) als Verschwörung entlarvt.

Deshalb schreibt der Autor (der die Emails nicht geklaut hat, und sie somit auch nicht alle gelesen hat) ja auch: "Ob durch diese Mails nun der Klimawandel oder auch nur der Mensch als Ursache desselben als große Verschwörung entlarvt werden, ist ein anderes Thema, ...". Das heißt, ich treffe überhaupt keine Aussage darüber, ob ich das für eine Verschwörung halte oder nicht, da das nicht das Thema des Beitrags ist.

3. Es wurde auch nicht diskutiert, den "peer-revie"-Prozess zu ändern - was auch gar nicht in der Macht der Beteiligten gestanden hätte. Sondern ein Schreiber äußerte sich frustriert angesichts der seiner Meinung nach miserablen Qualität eines Papers, dass er "es kaum ertragen könne, dieses im IPCC-Bericht zu sehen". Tatsächlich wurde es dann doch veröffentlicht.

Michael Mann schreibt in einer Email: "I can't see either of these papers being in the next IPCC report. Kevin and I will keep them out somehow -- even if we have to redefine what the peer-review literature is!" Aber wenn wir schon Korinthen kacken: Es heißt "peer-reviewed".

4. Die Erwähnung von von Storch und Latif in einem Satz ist zumindest missweisend. Das Zitat zu den Lead-Autoren stammt ausschließlich von von Storch. Latif plädiert lediglich für einen besseren Zugang zu den Originaldaten: "Sonst werden uns die Vorwürfe der Klimaskeptiker ewig begleiten".

Für den Fall, dass der Satz missweisend sein könnte, steht auch gleich eine Quelle dahinter, in der die Zitate von Latif und von Storch genauer aufgeführt sind.

Ansonsten wundert es mich ein wenig, dass der Autor der Moral bei der Analyse der Emails einen so hohen Wert beimisst, aber offensichtlich gar kein Problem mit der Methode hat, wie die Emails beschafft wurden.

Offensichtlich?! Wenn eine Tagesschau-Sprecherin über ein Attentat in Afganistan berichtet und nicht dazu sagt, dass sie Attentate für schlimme Verbrechen hält, ist dann auch offensichtlich, dass sie kein Problem mit Attentaten hat? Was ist das denn für eine Logik? Ich schreibe überhaupts nichts dazu, was ich von der Methode halte. Im Zweifel also gegen den "Angeklagten"?. Offensichtlich ist für mich eher, dass du mir auf Biegen und Brechen irgendwas unterstellen willst.