Montag, 23. Mai 2011
Kein Himmel für Computer?
Für einen der angeblich klügsten Köpfe unserer Zeit ist das schon eine erstaunlich kurzsichtige Logik. Und das selbst wenn man den Computer-Vergleich wörtlich nimmt. Man kann heutzutage selbst aus Festplatten, die Stürzen aus großer Höhe oder Feuer ausgesetzt waren, noch Daten (wenn man so will, Gedanken) entnehmen. Der physische Exitus bedeutet also bei Computern keineswegs automatisch den völligen Verlust der Informationen. Erst recht nicht, wenn man davon ausgeht, dass es bei Computern in unserer Welt immer einen Informationsgeber, sprich Programmierer/Konstrukteur gibt. Ob Hawking auch aus einem Funktionsverlust seines Sprachcomputers schlußfolgert, dass sich soetwas minderwertiges von allein zusammenbastelt?
In der Hirnforschung wird der Fall des Phineas Gage - ein Eisenbahnarbeiter, dem Mitte des 19. Jahrhunderts bei einer Explosion eine Eisenstange durch den Kopf schoss, und der daraufhin unter Persönlichkeitsveränderungen litt - als Beweis dafür gesehen, dass alles, was unsere Persönlichkeit ausmacht, von der 'Hardware' des Gehirns abhängt. Ist diese Hardware kaputt, ist auch die Information der Persönlichkeit verloren. Widerspricht das jedoch dem, was die Bibel zu diesem Thema sagt? Interessanterweise nicht. Im Buch Prediger heißt es im Kapitel 9 beispielsweise: "Denn die Lebenden wissen, daß sie sterben werden, die Toten aber wissen gar nichts". Ebenso wie kaputte Computer nichts mehr "wissen". Man muss die Information jedoch nicht unbedingt als unwiderruflich verloren betrachten, wenn man wie gesagt von einem Informationsgeber, einem "PC-Doktor" wenn man so will, ausgeht.
Montag, 15. November 2010
TV-Tip
Die erste Folge macht einen spannenden Eindruck. Intelligente SF-Szenarien sind im GEZ-finanzierten Fernsehen leider selten geworden, wenn man an herausragende und preisgekrönte Filme und Serien der Vergangenheit denkt, wie R.W. Fassbinders Welt am Draht oder die Fernsehproduktionen von Rainer Erler in den Siebziger Jahren.
Interessant ist vor allem, dass sich die Kritik an neurowissenschaftlichen Paradigmen und Entwicklungen nicht auf den Aspekt der möglichen Überwachung beschränkt. So heißt es auf der Internetseite zur Serie:
Denn mit dem Siegeszug der Neurowissenschaften hat sich – analog zum Ende der Unschuldsvermutung – mehr und mehr ein neues Menschenbild durchgesetzt, das weit von den einstigen Idealen des Humanismus entfernt ist.
Nach diesem Menschenbild, ist der Wille des Menschen nicht frei, sondern durch die neuronale Struktur seines Gehirns, die Verknüpfung seiner Nervenzellen, vorherbestimmt.
Eine rein naturalistische, deterministische Betrachtung des menschlichen Geistes als Widerspruch zu den Idealen des Humanismus - das ist schon bemerkenswert. Zu Gehirnscannern, die aus der Entfernung buchstäblich Gedanken lesen können, ist es sicherlich noch ein weiter Weg, wenn soetwas überhaupt je Realität wird. Gewisse Erregungszustände, beispielsweise die Anspannung eines Terroristen beim Einchecken, können dagegen schon über funktionelle bildgebende Verfahren erkannt werden. Allerdings werden derartige Techniken nicht mit dem Verweis auf Sicherheit und Terrorabwehr realisiert, sondern vor allem mit der Begründung, psychische Erkrankungen, Alzheimer, etc., behandeln zu können. Und da wird potentielle Kritik schon schwieriger, denn wer möchte schon als wissenschaftsfeindlich gelten oder den "Wissenschaftsstandort Deutschland" gefährden...
Samstag, 4. September 2010
Wirbel im Wassertropfen
Umso mehr verwundert es dann immer, wenn man mit stolzgeschwellter Brust verkündet, dass unser Tropfen Wissen ziemlich sicher ausreichen würden, Gott aus dem großen Ozean auschließen zu können. Zur Zeit scheint Stephen Hawking da in die Fußstapfen von Dawkins und Co. treten zu wollen, mit seinem Buch "Der große Entwurf".
Erst im Juni dieses Jahres hatte beispielsweise eine Studie unter Führung der Universität Bonn Zweifel geweckt, dass es Dunkle Materie gibt. Das Zeug soll neben der ebenso ominösen Dunklen Energie immerhin 23 % des Masseanteils im Universum ausmachen. Angesichts solcher Meldungen mutet ein Satz wie „Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen“ dann doch eher wie ein Glaubensbekenntnis an. Aber ein wenig "sarrazinieren" ist wohl auch in der Wissenschaft üblich...
Samstag, 12. Juni 2010
"Lebewesen und Design"
Titel: Lebewesen und Design. Eine Einführung.
Autor: Markus Rammerstorfer
Verlag: BoD, Norderstedt
ISBN: 978-3-8391-3243-2
Seiten: 108
Preis: 8,80
Wie angekündigt hier einige Gedanken zum jüngsten Buch von Markus Rammerstorfer. Es stellt laut Einleitung an sich selbst den Anspruch, „wesentliche Inhalte und grundlegende Argumentationen von 'Nur eine Illusion?' (2006) in überarbeiteter, kompakterer und zugänglicherer Form neu zu präsentieren“. Sozusagen für Menschen, die zwar ein grundsätzliches Interesse für die Design- und Teleologie-Thematik aufbringen, jedoch mit einer etwas niedrigeren „Leidensfähigkeit“ in Bezug auf Original-Zitate, „offizielle wissenschaftliche Ausdrucksweisen“, etc. Als langjähriger Interessierter an dieser Thematik kann man wohl nicht wirklich objektiv beurteilen, wie allgemein-verständlich oder populärwissenschaftlich ein Buch ist - immerhin ist man mit den wichtigsten Fachbegriffen, Persönlichkeiten und Argumenten vertraut. Ich denke aber, dass es sich für den interessierten Laien doch sehr gut und mit Gewinn liest, und entscheidende Argumente liefert.
Gravierende Unterschiede gibt es insofern gegenüber „Nur eine Illusion?“ auch nicht. Markus Rammerstorfer versucht auch hier, eine Bresche für das Design-Argument zu schlagen, und dessen Image als längst begrabene Leiche zu revidieren. Die Reanimation wirkt auf jeden Fall überzeugend, wobei man sich jedoch auch fragt, wohin die Reise für den Wiederauferstandenen gehen soll. Zeichnete der Autor in „Nur eine Illusion?“ noch die Vision einer 'Generaltheorie intelligenten Designs', fehlen die Zukunftsaussichten in „Lebewesen und Design“ meiner Meinung nach etwas.
Zunächst werden die Wurzeln der biologischen Ursprungsdebatte beleuchtet, was insofern immer interessant ist, dass sowohl das Design-Argument als auch die Idee, dass Leben durch rein naturgesetzliche Vorgänge irgendwie aus toter Materie entstand, bereits sehr früh ebenso intelligente wie prominente Befürworter fanden. Erste Station ist die Naturtheologie William Paleys sowie Humes allgemeine Kritik derselben, dann folgt Darwin. Darwin soll der Wendepunkt in der Design-Debatte schlechthin sein, und Richard Dawkins und andere können sich nicht vorstellen, Atheist gewesen zu sein, wenn sie vor der Veröffentlichung von Darwins „Origin of Species“ gelebt hätten. (Diese epochale Bedeutung Darwins verwundert vor allem dann, wenn andererseits der Vorwurf erhoben wird, dass Evolutionskritiker zu sehr auf seiner Theorie „herumreiten“ und sich die Evolutionsbiologie seit Darwin doch entscheidend verändert habe.)
Im folgenden widmet sich Rammerstorfer dem Wesen der Zielgerichtetheit in der belebten Welt und arbeitet heraus, dass sie real und ein besonderes Phänomen der Biologie ist. Insofern hat die Biologie eine naturgegebene Sonderstellung, derer sich Biologen wohl auch bewusst sein sollten. (Das scheint jedoch oft nicht der Fall zu sein, wenn man bedenkt, wie oft biologische Vorgänge in polemischer Weise mit Vorgängen wie der Entstehung von Wolken oder Schneeflocken etc. gleichgesetzt werden, um die Teleologie-Diskussion obsolet zu machen.)
Insofern sollte die Leben-Technik-Analogie, um die es im nächsten Kapitel geht, wohl mehr als erlaubt sein – sind lebende Zellen automatisierten Fabriken doch wesentlich ähnlicher als Eiskristallen. Interessant ist in dem Zusammenhang eh, dass in solchen Leben-Technik-Vergleichen immer der derzeitige Stand menschlicher Technologie betont wird. Lebewesen seien komplexer als alles, was wir bisher bauen können. Wobei wir die Vorgänge in der Zelle heutzutage immerhin mit den Abläufen in modernen industriellen Fertigungsstraßen vergleichen können. Hätte man zu Darwins Zeiten in die Zelle sehen können, wäre man vermutlich auf überhaupt keine vergleichbare menschliche Technologie gekommen. In Zukunft wird man sich wohl in Bezug auf Selbtreparaturfähigkeit, Selbstreproduzierbarkeit, etc., immer mehr den biologischen Strukturen annähern. In Anbetracht dieser stetigen Weiterentwicklung, die von der Bionik auch angetrieben wird, wäre es vielleicht sogar angebrachter, nicht von einer Technik-Analogie, sondern von einer - zwar kühnen, aber grundsätzlich möglichen - Technik-Extrapolation zu sprechen.
Am Ende des Kapitel widmet sich Rammerstorfer noch dem möglichen Vorwurf, dass eine rein technische oder maschinelle Betrachtung des Lebens kalt und entwertend ist. Das gilt wohl vor allem in Bezug auf das Gehirn. Rammerstorfer schreibt:
Wäre beispielsweise das menschliche Gehirn tatsächlich vollständig als (unvorstellbar) komplexe Maschine beschreibbar [...] und dabei ein Phänomen wie beispielsweise die Liebe zu einem Mitmenschen erzeugt, dann würde dies an sich diese Liebe noch nicht entwerten.
(Seite 34/35)
Interessanterweise ist er damit offen für eine rein materialistische Erklärung des menschlichen Geistes, entscheidend wäre dann nur noch die Entstehung dieser „Geist-Maschine“. Im Prinzip bin ich das auch, aber ich stelle trotzdem ein gewisses Unbehagen gegenüber dieser Vorstellung fest. Wäre das Ich-Bewusstsein einer Person komplett durch, sozusagen, rein materielle Prozesse einer komplexen Maschine produzierbar, dann bestünde zumindest rein theoretisch die Möglichkeit, eben diese Prozesse in einer gleichermaßen komplexen Maschine nachzubilden. (Und welcher Naturalist würde grundsätzlich bestreiten, dass wir nicht irgendwann genauso komplexe Strukturen wie Gehirne erzeugen könnten...) Man könnte also rein theoretisch das Ich vervielfältigen und eine Maschine oder ein Gehirn bauen, das glaubt, auch 'ich' (also in meinem Fall Martin Funke) zu sein. Im Endeffekt müsste man sich dann konsequenterweise vom Begriff des Individuums verabschieden, denn ursprünglich bedeutet Individuum ja 'Das Ungeteilte'. Darin besteht wohl auch der Vorteil von platonischen Konstrukten wie der 'unsterblichen Seele', dass sie jedem Bewusstsein eine absolute Einmaligkeit garantieren. Das aber nur „off-topic“ und als Randgedanke, zu dem man gesondert etwas mehr schreiben könnte...
Ein sehr interessantes Thema ist wie schon in „Nur eine Illusion?“ das Spannungsfeld zwischen Sprache und Teleologie. Sehr schön auf den Punkt gebracht wird dieser Konflikt durch ein Zitat von Hans-Dieter Mutschler:
„Wenn in neueren biologischen Publikationen auf Schritt und Tritt teleologische Begriffe vorkommen, so teilen sie uns mit, es sei nur „teleonomisch“ gemeint. Die Teleologie sei eine abkürzende Redeweise für etwas, das sie auch rein kausalmechanisch ausdrücken könnten, wenn sie nur wollten. Leider wollen sie nie.“
(zitiert auf Seite 39)
Die Vereinnahmung der Sprache und Erfindung neuer Begriffe grenzt teilweise an Lächerlichkeit. Teleonomie soll vermutlich ähnlich wie bei Astronomie Seriosität suggerieren, und Teleologie in die Astrologie-Schmuddelecke drängen. Richard Dawkins, der sich schon mit der Sprachschöpfung Meme als kreativer Geist erwiesen hat, wirft mit 'designoid' oder 'archi-purpose' und 'neo-purpose' ebenfalls schicke neue Wörter in den Raum. Während die einen vor der Verwendung teleologischer Begriffe warnen, schlagen andere wie Kenneth Miller gerade die Übernahme des „Kreationisten-Vokabulars“ durch die Evolutionsbiolgie vor. (Wobei letzteres ja eh längst praktiziert wird.)
Bemerkenswert ist auch hier wieder, dass das, was eigentlich bewiesen werden soll, bereits als prinzipiell gegeben vorausgesetzt wird. (Seit Darwin wissen wir... etc. pp.) Wie auch in meiner amazon-Kritik zum Buch geschrieben, kommt mir hier immer das Neusprech in Orwells 1984 in den Sinn. Zumindest scheint die Geschichte den Verdacht zu erhärten, dass, wer die Sprache manipulieren muss, die Realität nicht auf seiner Seite hat.
Weitere Themengebiete des Buches sind die sogenannte Dysteleologie, der methodische Naturalismus sowie das Argument, dass Design als alternative Erklärung Gott zum „Lückenbüßer“ degradiere. Bei letzteren wird ja gern behauptet, dass neue Erkenntnisse den angeblichen Lückenbüßer regelmäßig aus seiner Lücke vertreiben. Tatsächlich scheint es jedoch eher so, dass sich Dysteleologie-Argumente oft als verfolgte Lückenbüßer erweisen. Beispielsweise schrieb Kutschera 2001 in seiner Einführung in die Evolutionsbiologie, dass DNA-Schrott „im Widerspruch zum Konzept eines planenden Schöpfers“ stehe. (Zitat bei Rammerstorfer auf Seite 54) Mittlerweile ist man vorsichtiger mit Begriffen wie Junk-DNA. Der Leipziger Genetiker Mark Stoneking meint beispielsweise „Das, was wir für Genschrott gehalten haben, zeigt uns jetzt, wie naiv wir waren“. Man benutzt zum Teil also Argumente aus Unwissenheit oder Naivität, die durch zunehmendes Wissen aus ihrer Lücke vertrieben werden - genau das, was man der „Gegenseite“ unterstellt.
Zum Kapitel „Teleologie nach Darwin“ muss ich gestehen, dass ich hier die Argumentation mit dem Ursache-Wirkung-Paradoxon nicht wirklich verstanden habe.
Letztendlich bleibt als letzter „Gegner“ eigentlich nur noch der methodologische Naturalismus übrig, wie Lewontin oder Carroll auch einräumen. Dieser Materialismus ist nach Lewontin absolut, man könne sich „keinen göttlichen Fuß in der Tür erlauben“. Das ist ja im Prinzip völlig unabhängig davon, ob man tatsächlich plausible naturalistische Mechanismen findet oder nicht. Auch hier wird wieder deutlich, dass es in der Kontroverse oft eigentlich gar nicht um die Details geht, um die es gehen sollte. Rammerstorfer schreibt treffend, dass eine ausschließlich an naturalistischen Erklärungen interessierte Wissenschaft davon abrückt, eine aufrichtige und ehrliche Wahrheitssuche zu sein. ("Intentionales Design in der belebten Natur ist eine Illusion, weil der methodologische Naturalismus es ausschließt" wäre auch eine seltsame Schlussfolgerung)
Im Anhang geht Rammerstorfer noch auf die gern eingebrachte Frage „Und wer schuf den Designer?“ ein. Obwohl es im direkten Vergleich zu „Nur eine Illusion?“ keine spektakulären Neuerungen gibt, denke ich, lohnt sich der Erwerb des Buches auch für Personen, die die Ursprungsthematik bereits seit längerem verfolgen.
Samstag, 3. Oktober 2009
Von Frauen und Kaulquappen
Die Beschreibung dieses Gegenprotests beim Humanistischen Pressedienst ist von Zynismus nur so durchtränkt. Man beschwert sich darüber, dass die massive Störung einer völlig legalen und völlig gewaltfreien Demonstration von Polizisten behindert wird - was eigentlich selbstverständlich sein sollte und in noch stärkerem Ausmaß wünschenswert wäre ("Die euphorische Stimmung wurde jedoch durch die zahlreiche Anwesenheit von Polizisten getrübt"). Die Slogans der Linksradikalen waren auf maximale Verletzung der Gefühle der Marschteilnehmer angelegt ("Hätt Maria abgetrieben, wär uns das erspart geblieben" (!) oder "Föten zu Pflugscharen" [sic]) bei gleichzeitiger Abwesenheit vernünftiger Argumente, was ein interessantes Licht darauf wirft, was die selbsternannten "Humanisten" unter Humanismus verstehen, und wie human sie mit denen umgehen, die nicht ihr Konzept von Humanität teilen. Dass unter den Marschteilnehmern auch zahlreiche Kinder und ältere Menschen waren, störte die Linksradikalen dementsprechend wenig. Im Gegenteil, der Psychoterror "zeugte von der positiv geladenen, emanzipatorischen Stimmung der Pro-Choice Demonstranten". Einer Frau, die über negative Erfahrungen mit einer Abtreibung berichtet, wird von der Verfasserin (!) mal eben psychische Labilität unterstellt. Dass Abtreibungsgegner regelmäßig in die rechte Ecke gestellt werden, als "Frauenfeinde" bezeichnet werden (Mütter und ihre Kinder dabei potentiell als Gegner ausgespielt werden, getreu dem Motto 'Wer für das Kind ist, ist gegen die Mutter') und der Mord an einem Abtreibungsarzt in den USA erwähnt wird, ist dabei schon Usus der Berichterstattung.
Höhepunkt der "euporischen" und "positiv-geladenen" Stimmung war schließlich die öffentliche Verbrennung einer Bibel. Spätestens hier muss man an Heine und sein berühmtes Zitat über Menschen, die Bücher verbrennen, denken. Oder auch an George Orwells 1984, in dem er die systematische Pervertierung von Begriffen und Werten vorwegnimmt (Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei). Eine Organisation, die sich selbst "Pro Familia" nennt, beteiligt sich aktiv an einer Demonstration gegen "religiöse Dogmen" wie "Familienzentriertheit"; selbsternannte "Humanisten" versuchen, ihre Gegner möglichst schmerzhaft unter der Gürtellinie zu treffen; und selbsternannte "Antifaschisten" praktizieren letztlich sogar die Rituale von Nationalsozialisten.
Wie eng diese radikale Ideologie mit der Idee einer allgemeinen Evolution verflochten ist, zeigt der Text einer jungen Frau, der auf der Internetseite der Linken in Schleswig-Holstein veröffentlicht wurde, nach kritischen Stimmen (siehe hier oder hier) jedoch wieder entfernt werden musste. Darin fielen interessante Sätze wie: "Ein Embryo/Fötus befindet sich in einem Zustand der Dämmerung, etwa vergleichbar mit dem unbewussten Gefühlsleben einer Pflanze." oder "Er ist kein Individuum und befindet sich im besten Falle auf der evolutionären Stufe mit einer Kaulquappe, aber ganz sicher nicht mit einem Menschen" oder auch "Behinderte Menschen liegen dem Sozialstaat auf der Tasche, werden seit Menschengedenken als unnütze Esser betrachtet".
Samstag, 11. Oktober 2008
Der Kommentar des Tages
Diese Studie ist doch nur ein kleiner Baustein in einer ganzen Reihe von Studien und Experimenten die zeigen das die "Liebe" nur dem Zweck der Vermehrung folgt. Die ganzen romantischen Vorstellungen, die sich die Menschheit davon gemacht hat, waren nur Hirngespinste.Da rollt also noch einiges auf uns zu. Ein paar Seiten weiter wird allerdings dagegengehalten: Ja, und? Ist doch spannend, was unser Körper alles anstellt, um ans Ziel zu gelangen. Deswegen ist doch die Idee einer romantischen Liebe nicht gleich totaler Blödsinn. Dass wir unbemerkt den verschiedensten Signalen folgen ist das Eine - wie wir dann in der Beziehung miteinander umgehen, ob wir z.B. weiterhin allen fremden Reizen folgen oder lieber Abmachungen beherzigen, die eher ethischer als chemischer Natur sind, das können wir immer noch steuern. Dafür sind wir ja vernunftbegabt. Die meisten zumindest.
Trotzdem kommen noch immer gerade Frauen mit Sprüchen wie "die Chemie muss stimmen", "er muss einfach zu mir passen", "auf die Persönlichkeit kommt es an", "er muss mit beiden Beinen im Leben stehen" usw usw bla bla bla
Viel Spaß noch mit eurem Selbstbetrug, der wird die nächsten Jahre schrittweise demontiert...
Nur, was ist, wenn eine neue Studie nahelegt, dass Abmachungen ethischer Natur auch nur romantischer Selbstbetrug sind und auf Chemie beruhen, und die Steuerung durch die Vernunft nur ein weiteres Hirngespinst? Dann geht der ganze Frust wieder von vorne los. Aber vielleicht liegt eine gewisse Romantik dann in der Frage, was sich unser von Mutter Natur geformter 3,5 Milliarden alter Körper für uns ausgedacht hat: Lässt uns der innere Fisch eher auf Mädchen mit feuchten Händen stehen, oder siegt doch der Einzeller mit seinem Sinn für Symmetrien? Es bleibt also spannend...
Montag, 14. Juli 2008
"Die Wissenschaft ist ein hartes Business"
Als ID-Befürworter muss man das also nicht mehr kommentieren. Selbst den Semi-Geisteswissenschaftler in mir drängt es nicht zu einer Stellungnahme. (Einerseits hat man als Filmwissenschaftsstudent nicht unbedingt das Gefühl, etwas wirklich wichtiges und fundamentales zum Geschick der Menschheit beizutragen, und wenn man nicht extrem faul ist, ist es auch praktisch unmöglich, schlechte Zensuren zu bekommen. Andererseits sind 'film studies' auch nicht gerade repräsentativ für die Geisteswissenschaften.) Interessant fand ich in dem Zusammenhang nur einen Beitrag der NZZ online über Alfred Russell Wallace, in dem Kutschera zu Wort kommt.
Kutschera setzt sich für die Rehabilitation des heute eher unbekannten Mitentdecker der Evolutionstheorie ein. Als einen der Gründe für die mangelnde Anerkennung führt er Wallace´ späte Spiritualität an, aus der er öffentlich keinen Hehl machte. Weltanschaulich ging Wallace praktisch den entgegengesetzten Weg von Darwin - vom Materialisten zum religiösen Spiritualisten. "Die Wissenschaft ist ein hartes Business", meint Kutschera. "Wenn Sie da mit Spiritismus kommen, ist es mit Ihrer Anerkennung vorbei." Da fragt man sich: Ist die Wissenschaft ein "hartes Business", weil sie so eine Eigendynamik entwickelt hat, oder ist sie es, weil Menschen wie Kutschera sie zu so einem "harten Business" machen? In dem sie zum Beispiel ganze Forschungsbereiche diffamieren? Oder Wissenschaftlern aufgrund ihrer Ansichten die Wissenschaftlichkeit absprechen?
Aber darin liegt wohl nicht nur Ironie, sondern auch ein gewisser Trost: Nach eineinhalb Jahrhunderten ist man schon mal bereit, abgefallenen Materialisten zu vergeben.
Mittwoch, 27. Februar 2008
Teleologisches Denken - Gefahr oder Gewinn?
Oder etwas ausführlicher formuliert auf Seite 2:
„Mit Hilfe der Wissenschaft ist es so viel leichter, Leben zu schädigen und zu zerstören, als Leben zu schaffen, daß – so scheint es – etwas von dieser Tendenz in der heutigen Wissenschaft selbst enthalten sein muß. Die Technik entspringt eindeutig aus der Wissenschaft. Konsequenterweise sollten wir also nicht nur von einer Dämonie der Technik, sondern auch von einer Dämonie der Wissenschaft schreiben. Worin liegt diese Dämonie?"
Im Kontext der Zeit, in dem das Buch entstand, erscheint dieses Anliegen mehr als verständlich. Die Folgen der Nutzung atomarer Energie waren sowohl zivil als auch militärisch nicht absehbar und flößten nicht zuletzt aufgrund des Kalten Krieges vielen Menschen Furcht ein. Hiroshima und Nagasaki lagen gerade mal 17 Jahre zurück und die Auswirkungen waren noch umstritten. (Heitler erwähnt Berichte, nach denen die Folgen von Mutationen für Nachkommen von, der Strahlung ausgesetzten Eltern zwischen 15 % und 0 % (!) schwanken) Kernkraftwerke wurden gebaut („Aus Furcht, unsere Energiequellen würden [...] bald versiegen, fangen wir an, Kernkraftwerke zu bauen, obwohl bis jetzt niemand weiß, wie man den radioaktiven Abfall beseitigen kann), vor allem aber strebte die atomare Aufrüstung im Zuge des Kalten Krieges einer scheinbar schwer aufzuhaltenden Konfrontation entgegen, die 1962 mit der Kuba-Krise auch nur um Haaresbreite vermieden wurde.
Angesichts dieses allgegenwärtigen Gespenstes eines nuklearen Holocausts war die Frage nach einer der Technik respektive Wissenschaft selbst innewohnenden Dämonie sehr verständlich. Immerhin waren es Amerikaner – und nicht Nazis oder Sowjets – die Atombomben über bewohntem Gebiet zur Explosion brachten; und es war ein Pazifist wie Einstein – dem sogar Schachspielen aufgrund des kompetitiven Geistes zuwider war – der eine nukleare Aufrüstung ausdrücklich befürwortete. Es gab nur zwei Fronten, und beide schienen zum Einsatz der vernichtenden Technik jederzeit bereit. (Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem 11. September ist es mittlerweile wesentlich leichter, Wissenschaft und Technik von dieser Dämonie freizusprechen und das Augenmerk auf die Ideologien der benutzenden Parteien zu lenken, siehe Dawkins und Co.
Heitler streift bei seinem Versuch einer Antwort in zwei Kapiteln die Geschichte der Wissenschaft, die sich, ausgehend vom menschlichen Geist, der nun mal in Kategorien von Qualität und Teleologie funktioniert, immer mehr zu einer ausschließlich kausalen, differentiellen, quantitativen und deterministischen Sichtweise bekannte. Interessant fand ich dabei vor allem Goethes Widerstand gegen die rein quantitativ ausgerichtete Farbenlehre Newtons. (Die sehr gut in einem Gedicht Goethes zum Ausdruck kommt:
Möget ihr das Licht zerstückeln,
Farb´um Farbe draus entwickeln,
Oder andre Schwänke führen,
Kügelchen polarisieren.
Daß der Hörer ganz erschrocken,
Fühlet Sinn und Sinne stocken.
Nein, es soll euch nicht gelingen.
Sollt uns nicht beiseite bringen;
Kräftig wie wirs angefangen,
Wollen wir zum Ziel gelangen.)
Goethe versuchte sich an einer Farbenlehre, die davon ausgeht, dass qualitativ empfundene Farben wie Grün oder Rot objektive Größen sind, und nicht nur Interpretationen (sprich Illusionen) des Gehirns eines quantitativ beschreibbaren Licht-Substrats. In dem Zusammenhang merkt Heitler an:
„Es wäre z.B. ein Trugschluß, wenn wir sagen würden: „Die Farben existieren nicht, wenn kein Lebewesen da ist, das sie sehen kann, folglich existieren Farben nur in Lebewesen.“ Mit der gleichen Logik könnten wir schließen: „Elektromagnetische Wellen existieren nicht, wenn keine Wesen da sind, die sie messen können.““Natürlich hat sich eine ausschließlich kausal-differentiell-quantitativ-deterministisch orientierte Wissenschaft letztendlich durchgesetzt, und ihr Erfolg ist das stärkste Argument für sie. Erfolg ist allerdings auch ein relativer Begriff, vor allem wohl in Anbetracht von „Errungenschaften“ wie der Atombombe. Und einhergehend mit Heitlers Betrachtungen zu Goethes Farbenlehre, die auch nach Goethe weiterentwickelt wurde, stellt sich die Frage, inwieweit eine 'andere' Wissenschaft nicht nur möglich, sondern vielleicht auch noch erfolgreicher beziehungsweise erfolgreich in einem anderen Sinn gewesen wäre...
In einer inflationären Ausbreitung und ausschließlichen Anwendung dieser wissenschaftlichen Methode, die konträr zum menschlichen Empfinden ist (Qualität statt Quantität, Teleologie statt Determinismus) auf Gebiete, in die sie nicht angebracht ist, sieht Heitler dementsprechend logischerweise die Gefahr, die von der heutigen Wissenschaft und Technik ausgeht. Bleibt nur die entscheidende Frage: Wo genau ist diese Methode nicht angebracht?
Die kausal-deterministische Methode hat sicher keinen oder nur einen höchst bescheidenen Platz für alles, was Menschen angeht. Es dürfte wohl noch eine Skala von Zwischenstufen geben, wo das Prinzip der Kausalität beschränkte Gültigkeit hat. Vermutlich gehört die Biologie hierzu. Was wir hier also feststellen können, ist, daß eine allgemeine auf das Prinzip des Determinismus gegründete „Weltanschauung“ jeder Grundlage entbehrt. Jede Anwendung auf Menschliches ist nicht nur von Übel, sondern auch gänzlich unberechtigt.
Der Biologie widmet sich Heitler in einem eigenem Kapitel. Grundsätzlich hält er zwar physikalisch-chemische Ursachen allein für nicht ausreichend zur Beschreibung der biologischen Realität (beispielsweise ist das Wachstum eines Blattes bis zu einer ganz bestimmten Größe nicht rein differentiell erklärbar, wie etwa das Wachstum eines Kristalls), jedoch stellt er 'common descent', eine Entwicklung der höheren Lebewesen aus niederen, nicht in Frage.
(Interessant ist allerdings, wie zeitlos folgender Satz wirkt: „Auf das Problem der Entstehung der ersten Zellen – etwa aus nicht-lebender Materie? - wollen wir gar nicht eingehen. Hierüber ist absolut nichts bekannt, und nicht einmal eine brauchbare Hypothese existiert.“)
Heitler vertritt eine Position, die heutzutage prinzipiell der von Michael Behe oder Mike Gene entspricht – und eindeutig als ID-Standpunkt gewertet werden kann! (Womit Heitler nicht posthum zum ID-Vorreiter erklärt werden soll. Die genauen Standpunkte verstorbener Personen sind eine heikle Angelegenheit, und man sollte wohl vorsichtig damit sein, sie für eigene Zwecke zu vereinnahmen.)
[...] Die außerordentliche Komplexität im Körperbau eines höheren Tieres schließt eine zufällige Entwicklung absolut aus. [...] Wenn aber in der Evolution kein Zufall herrscht, dann muß eben eine Art von Plan bestanden haben oder bestehen. In noch stärkeren Maße als die Morphologie zwingt uns die Evolution, teleologische Betrachtungen mit heranzuziehen. [...]
(Hervorhebungen im Original)
Heitler plädiert für ein Auseinanderhalten der „rein teleologischen Tatbestände und Gesetzmäßigkeiten“ und der „daran anschließenden mehr metaphysischen Rückschlüsse“ und zeigt das anhand des Beispiels der Archäologie: „Der Archäologe [...] fragt zuerst nach dem Zweck eines, vielleicht im Grundriß vorliegenden Bauwerks, eines Kanalstückes usw. [...] Dann kann er die zweite, weitere Frage nach dem Architekten stellen. Er kann Rückschlüsse auf seine technischen Fähigkeiten, seine geometrischen Kenntnisse, seinen künstlerischen Geschmack ziehen. [...]
Beide Probleme sind in der Biologie ungleich schwieriger. Man wird nicht von vornherein annehmen können, daß „Zweckmäßigkeit“ im selben Sinn zweckmäßig ist, wie es eine Maschine für uns ist; und erst recht nicht, daß der „Architekt“ der Lebewesen menschenähnliche Fähigkeiten hatte. Das alles muß ja gerade das Ziel unvoreingenommener Forschung sein.“
(Hervorhebung nicht im Original)
Heitler plädiert hier bereits 1962 für eine unvoreingenommene Forschung, die teleologische Schlußfolgerungen nicht a priori ausschließt.
„Es ist nicht einzusehen, weshalb eine derartig orientierte Forschung nicht genau so „wissenschaftlich“, wie die Verfolgung von Kausalgesetzen sein und mit der letzteren auf derselben Ebene stehen sollte. In beiden Fällen beschränkt man sich auf die Feststellung der Gegebenheiten, der planmäßigen oder der kausalen.“
Gegen den Einwand der metaphysischen Implikationen einer teleologisch orientierten Forschung führt Heitler an, dass auch die Kausalgesetze metaphysische Implikationen haben ('warum ist die Welt so, dass wir sie erforschen und verstehen können'): „Der Wissenschaftler wird die metaphysischen Fragen zunächst genauso ignorieren und ignorieren können, wie er das bisher bei den Kausalgesetzen, und mit Erfolg, getan hat. Wir können also keinerlei Einwand gegen eine teleologisch orientierte Wissenschaft erkennen.“ (Hervorhebung nicht im Original)
Heitler bespricht schließlich noch eine These von Niels Bohr, der das aus der Quantenmechanik bekannte Prinzip der Komplementarität auch in der Biologie vermutete. Das heißt, dass man nicht gleichzeitig eine genaue Kenntnis der materiellen Vorgänge und der Lebensvorgänge erlangen könne, beispielsweise indem man Lebensvorgänge auf molekularer Ebene nicht beobachten kann, ohne sie zu unterbrechen, sprich abzutöten. Bohrs Vermutung wurde von der Wissenschaftsgeschichte jedoch bekanntermaßen nicht bestätigt.
Bleibt noch anzumerken, dass Heitler offenbar kein Christ ist, und auch allgemein zur Religion ein eher distanziertes Verhältnis zu haben scheint. Aus dieser Richtung kommt seine Motivation also nicht.
Er resümiert:
„Insbesondere sehen wir, daß wenig Berechtigung bleibt, in der Welt einen kausal ablaufenden Mechanismus zu sehen. Der Glaube an ein mechanistisches Universum ist ein moderner Aberglaube. [...] Der Hexenaberglaube hat zahlreiche unschuldige Frauen das Leben gekostet, auf grausamste Weise. Der mechanistische Aberglaube ist gefährlicher. Er führt in eine allgemeine geistige und moralische Verödung, und dieser kann leicht die physische Vernichtung folgen. [...]
In diesem Punkt hat sich in den über vierzig Jahren nach Heitlers Buch erschreckend wenig verändert. Erschreckend - und traurig - vor allem, wenn man Heitlers Zielsetzung betrachtet, eine „Tür aufzustoßen“ für teleologische Ansätze in der Forschung.Es wird meist behauptet, die Wissenschaft, die Suchen nach Wahrheit ist, sei weder moralisch noch unmoralisch, nur derjenige, der ihre Anwendungen in die Tat umsetzt, sei vor ethische Entscheidungen gesetzt. In Anbetracht unserer Ergebnisse können wir dieser Ansicht nur mit einem Vorbehalt zustimmen. Suchen nach Wahrheit kann gewiss nicht unmoralisch sein. Wir haben aber gesehen, daß die gegenwärtige Forschung vorwiegend in bestimmte, eng begrenzte Kanäle geleitet wird, und zwar in Kanäle, die sich immer mehr vom Menschlichen entfernen. Und dann tritt diese Wisssenschaft mit einem Totalitätsanspruch auf, sie will die einzige und ganze Wahrheit sein. Eine Teilwahrheit, die alles sein will, kann aber sehr wohl unmoralisch sein.
Liegt hierin vielleicht der Grund für die in der Einleitung genannte „Dämonie der Wissenschaft“? Jedenfalls enthält dieser Totalitätsanspruch die Gefahr, jede Ehrfurcht vor dem Leben zu zerstören.“
Paradoxerweise wird heute ein Totalitätsanspruch der Wissenschaft oft gerade mit dem Verweis auf eine „Dämonie“ von teleologischen Ansätzen vertreten, wenn man sich beispielsweise die Schriften von Dawkins und Co. oder Pamphlete wie die Europarat-Resolution aus dem letzten Jahr ansieht. Die darin proklamierte Gefahr für Gesellschaft und Menschenrechte, die angeblich von einer teleologisch ausgerichteten Forschung ausgehen soll, ist diametral entgegengesetzt zu der Gefahr, die nach Meinung von Heitler von einer totalitär-kausal(istisch)en Forschung ausgeht. (Allerdings mit dem Unterschied, dass letztere nachvollziehbar und fundiert begründet wird.)
Nichtsdestotrotz ist es sehr interessant zu sehen, dass ID-Standpunkte auch vor der Entstehung des US-amerikanischen “ID-Movements“ - und in der post-darwinschen Ära - und auch von nichtreligiösen, renommierten Wissenschaftlern wie Walter Heitler vertreten wurde.____________________________________
WALTER HEITLER Der Mensch und die naturwissenschaftliche Erkenntnis (Vieweg Friedr. & Sohn Ver, 1961, 1962, 1964, 1966, 1984)
Dienstag, 26. Februar 2008
Physiozentrischer Masochismus
Der Journalist und Autor Alan Weisman ist der düsteren Vision einer von heute auf morgen menschenleeren Erde in seinem Buch Die Welt ohne uns. Reise über eine unbevölkerte Erde sachlich-nüchtern nachgegangen. (übrigens weit oben auf meiner To-read-Liste und mit etwas Muße hier irgendwann rezensiert ;) Im November letzten Jahres erschien dazu ein Artikel in "Spektrum der Wissenschaft".
Man sollte meinen, dass die Vorstellung einer menschenleeren Erde Wasser auf den Mühlen und Öl in den Kehlen derjenigen ist, die eine auch nur ansatzweise anthropozentrische Weltsicht geißeln, wo sie nur können, nach dem Motto: 'Wir sind nur die Pest auf einem ansonsten wunderschönen Planeten, wir sind nichts besonderes (aber immer noch so besonders, um eine offensichtliche Verantwortung für alle anderen Lebewesen zu haben) nur das Abfallprodukt eines Zufallsprozesses, wir sind nicht so intelligent, wie wir meinen (aber immer noch so intelligent, um uns dessen bewusst zu werden), etc. pp.'
Aber weit gefehlt! Ein Leserbrief zum Spektrum-Artikel entlarvt, dass selbst die wohltuende Vorstellung einer menschenentleerten Erde heuchlerisch anthropozentrisch ist! Denn um sich eine menschenleere Erde vorzustellen, bedarf es - Sie ahnen die Anmaßung: Menschen!
Ich denke, dass sein Gedanke, "die Umweltprobleme durch seine Betrachtungsweise in neuem Licht zu sehen" nicht erreicht wird, weil er den Verursacher zu sehr in eine Zuschauerrolle setzt.
Wir sind der singende, tanzende, egozentrische Abschaum des Universums, schon allein aus dem Grund, weil wir zu dieser Erkenntnis uns selbst brauchen...
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Zu der Meinung des Leserbrief-Verfassers, "Für wen soll es denn ein schmerzlicher Verlust sein? - für alle "Kreaturen" auf unserem Planeten, bestimmt nicht": Meine Katze vermisst mich schon, wenn ich mal ein paar Stunden weg bin und sitzt dann am Fenster. Ich denke schon, dass sie mich auch vermissen würde, wenn ich plötzlich gänzlich von diesem Planeten verschwinden würde. Und das nicht nur, weil ich ihr was zu futtern gebe.
Es ist überhaupt interessant, dass die Natur immer als fragiles, interagierendes System dargestellt wird, in dem jede Art ihren Sinn und Platz hat, nur der Mensch nicht. Hat der Mensch also doch eine Sonderrolle? Warum sollte unser Morden, Foltern, etc. kein Teil der Natur sein? Oder andersherum formuliert: Muss sich eine Spezies, die durch ihre Intelligenz an der Spitze der Nahrungskette steht, nicht selbst dezimieren, weil es ja sonst niemand tut?
Sonntag, 2. Dezember 2007
Kleine Rätselfrage:
Was verschwindet, wenn man es (evolutionär) erklärt?
Wer noch etwas darüber nachdenken möchte, sollte ab hier erstmal nicht weiterlesen. ;)
Die Antwort ist: Altruismus. Selbstloser Einsatz für andere, sogar völlig fremde, auch unter Gefahr für das eigene Leben. Ein Wort, das das sehr treffend bezeichnet, ist das griechische Wort Agape, das in den christlichen Schriften der Bibel vorkommt und als uneigennützige, schenkende Liebe übersetzt werden kann.
Schon Darwin hatte seine Probleme mit dem Altruismus. Seiner Vorstellung nach erklärt er sich im Tierreich vor allem durch Blutsverwandtschaft. Arbeitsbienen zum Beispiel, die sich für ihren Bienenstock opfern, schützen ihre Blutsverwandten und verhelfen damit indirekt Kopien der eigenen Gene zur Fortpflanzung. William D. Hamilton, den viele als Darwin des 20. Jahrhunderts bezeichnen, widmete sich dem Problem Altruismus und berechnete mit Formeln dessen Wahrscheinlichkeit und Nützlichkeit.
Altruismus unter Tieren mag in dem Sinne vielleicht noch erklärbar sein, der Wert menschlichen Altruismus' definiert sich jedoch gerade über Begriffe wie Freiwilligkeit. Hätte man einen Film über Oskar Schindler gedreht, wenn er nur aufgrund eines biologischen Imperativs so gehandelt hätte, wie er gehandelt hat, der sich für irgendwelche Gene als nützlich erwiesen hat? Bedingungslose, uneigennützige Liebe wäre eben nicht mehr bedingslos und uneigennützig, wenn sie irgendwo versteckt doch an irgendwelche Bedingungen und einen, wenn auch indirekten Eigennutz geknüpft wäre. Ein Erklären im Sinne darwinscher Modelle kommt hier einem Wegerklären, einem Zerstören gleich.
Aus rein wissenschaftlicher Sicht mögen solche ethischen Erwägungen irrelevant sein, trotzdem ergibt sich bei dieser Betrachtung letztlich das Bild einer Theorie, die ein Problem mit Selbstlosigkeit und Güte hat und sie aus ihrem Weltbild entfernen möchte. Und die jedem, der glaubt, selbstlos zu handeln, potentiell
unterstellt, letztendlich doch nur eigennützig zu sein. Das ist einer dieser Gründe, warum ich Wissenschaftler nicht verstehe, die nicht das geringste Problem zwischen Evolutionstheorie und christlichem Glauben sehen.*
** Francis Collins hält zwar beispielsweise Altruismus nicht für darwinistisch erklärbar, was aber letztlich auch daraus hinaufläuft, dass man der Darwinschen Theorie die Erklärungsmacht abspricht, die sie für sich einfordert. Bis zu welchem Grad man das macht, wenn man es eh schon macht, scheint wohl eine Frage der persönlichen Konsequenz zu sein.
Samstag, 3. November 2007
Gone with the evidence
Flew ist praktisch der lebende Gegenbeweis dafür, dass 'arguments to design' nur die überzeugen, die eh schon an einen Gott glauben. Und man kann ihm für sein "following the evidence whereever it leads" eigentlich nur Respekt bekunden. Damit wäre er eigentlich auch jemand, den Richard Dawkins als Gegenbeispiel für gläubige Menschen nennen könnte, die ja laut Dawkins immun gegen 'the evidence' sind. Mit den Offenbarungsreligionen kann sich Flew jedoch nach wie vor nicht identifizieren. Laut einem Interview mit Lee Strobel hat Flew das größte Problem mit der Vorstellung einer Hölle.

In einem neu erschienenem Buch mit dem Titel There is a God beschreibt Flew den Weg zu seiner Überzeugung. Zudem ist er in der DVD-Dokumentation Has Science Discovered God? zu sehen.
Donnerstag, 1. November 2007
"Zurück in die Zukunft" - Ein kreationistisches Machwerk?
Könnten wir innerhalb unserer Körper in der Zeit zurückgehen - eine Zeitreise, wie sie beispielsweise im Film "The Butterfly Effect" zu sehen ist - dürften wir in dieser Vergangenheit nichts verändern können. Ebenso wenig, wie eben ein Planet an einem früheren Punkt seiner Bahn irgendetwas an seiner Bahn oder Geschwindigkeit verändern könnte. So eine Zeitreise würde uns dann das Gefühl vermitteln, im eigenen Körper ohnmächtig gefangen zu sein, denn der Körper folgt ja den Gedanken und Hirntätigkeiten aus dem ursprünglichen Zeitablauf. Mal abgesehen davon, dass dieses Gedankenspiel bereits ein materiell unabhängiges Bewusstsein voraussetzt und damit eigentlich von vornherein keinen Sinn macht, ist ein Film wie "The Butterfly Effect" so gesehen praktisch ein Plädoyer für den freien Willen des Menschen. (Was angesichts der eigentlich Filmhandlung fast paradox erscheint)
Aber wie steht es mit Filmen wie "Zurück in die Zukunft" oder "Terminator 2 - Judgement Day", in denen physisch in die Vergangenheit gereist und diese verändert wird? Hier könnte man sich auch fragen, warum ein Mensch, der in all seinem Tun hoffnungslos durch die Naturgesetze kausal gebunden ist, eben aus dieser Einbahnstraße der Kausalität
ausbrechen können sollte. Wenn man das Handeln des Zeitreisens
wie alles andere Handeln als Teil des kausalen physischen Naturgeschehen ansieht, stellt sich die Frage, warum dieses Naturgeschehen etwas hervorbringen sollte, was eben dieses Naturgeschehen verändert.
Filme, die einerseits Zeitreisen in die Vergangenheit als möglich darstellen, andererseits aber postulieren, dass nichts im Zeitablauf geändert werden kann, stehen dann auch vor dem großen dramaturgischen Problem, das mit einem subjektiv freien Willen in Einklang zu bringen. Was sollte den Protagonisten hindern, seinen jugendlichen Großvater zu erschießen? Eine entsprechende Szene gibt es in "12 Monkeys". Madeleine Stowe spricht da etwas auf einen Anrufbeantworter, den Bruce Willis in der Zukunft abhört. Er weiß also, was sie sagt, bevor sie es sagt. Im Film ist es so gelöst, dass Stowe anruft, während Willis gerade abwesend ist. Doch was wäre, wenn er ihr gesagt hätte, was sie auf den Anrufbeantworter spricht? Würden sie irgendwelche Umstände dazu bringen, es trotzdem zu sagen, so dass es sich immer noch wie freier Wille anfühlt, oder würde sie wie ein Roboter handeln und das tun, was sie laut kausal determinierten Zeitablauf eben tun muss?
Die meisten Zeitreisegeschichten basieren so gesehen auf einem real vorhandenem freien Willen, der letztlich nur durch ein metaphysisches oder religiöses Bezugssystem begründbar ist.
Dienstag, 18. September 2007
Der Wert eines zufälligen Lebens
Fritz Poppenberg, der Berliner Filmemacher, der sich mit evolutionskritischen Filmen wie „Gott würfelt nicht“ angeblich eine goldene Nase verdient, widmet sich in seinem neusten Film dem Thema Abtreibung.* In „Maria und ihre Kinder“ geht es um eine sogenannte Gehsteigberaterin, die versucht, Frauen vom Gang in die Abtreibungsklinik abzuhalten und auf diese Weise schon mehrere hundert Kinder vor dem Tod bewahren konnte.
Die legale Tötung der eigenen Leibesfrucht ist eines der „Menschenrechte“, die – wie Vertreter eines evolutionären Humanismus gern betonen – gegen den Widerstand der Kirchen erkämpft wurde. Oft mit Ausnahmesituationen wie Lebensgefahr für die Mutter oder Vergewaltigung begründet, sterben in der Praxis ungezählte Kinder aus rein wirtschaftlichen Erwägungen. Heute geht die Kritik an der alltäglichen Abtreibungspraktik vor allen von katholischen Kreisen aus. In der Kontroverse um Abtreibung spiegeln sich Ansichten über Leben an sich wider – wann beginnt Leben, ab wann hat es einen Wert, hat es überhaupt einen grundsätzlichen, einfach gegebenen Wert, der sich nicht gegen andere Leben aufrechnen lässt, etc.
Die Fronten erscheinen so, dass Kritik an Abtreibung vor allen von Gläubigen ausgeht, während „aufgeklärte“ Geister sie als Frauenrecht oder zumindest notwendiges Übel sehen.
Doch – dumm gefragt – muss man wirklich ein gläubiger Mensch oder gar Christ sein, um die staatlich subventionierte und massenhaft betriebene Entsorgung von „Schwangerschaftsgewebe“ abzulehnen? Als jemand, der selbst eine zeitlang Agnostiker war, bezweifle ich das.
Eine Ablehnung von Abtreibungen lässt sich auch ohne religiösen Bezugnahmen begründen. Richard Dawkins, einer der Wortführer der 'neuen Atheisten', sagt in der von ihm produzierten, zweiteiligen Dokumentation „The Root of all Evil?“ gegen Ende:
„We are going to die, and that makes us the lucky ones. Most people are never going to die, because they are never going to be born. The number of people who could be here in my place outnumbers the sand grains of Sahara. If you think about all the different ways our genes could be permuted, you and I are quite grotesquely lucky to be here: the number of events that had to happen in order for you to exist, in order for me to exist. We are privileged to be alive and we should make the most of our time on this world.“**
Praktisch also ein Plädoyer für das Leben, und eine Begründung seines Wertes aus der absolut einmaligen und unwiederholbaren Verkettung der Umstände seiner Entstehung. Die zahllosen „ways our genes could be permuted“ sind aber mit dem Vorgang der Befruchtung der Eizelle besiegelt; ab diesen Moment hat das neubegonnene Leben seinen einmaligen Wert, ist „privileged to be alive“.
Es könnten also rein theoretisch genauso gut Atheisten vom Schlage eines Richard Dawkins sein, die sich aus reinem Idealismus Tag für Tag vor Abtreibungskliniken stellen und Müttern und Vätern die Hilfe anbieten, die sie benötigen, um ihren Kindern das Privileg des Lebens zu gönnen.*** Sind es aber nicht. Welche Hoffnung besteht eigentlich angesichts dessen, dass ein „evolutionärer Humanismus“ sich nicht nur an den pragmatischen Bedürfnissen einer meinungsfähigen Mehrheit orientiert?
Uraufführung von „Maria und ihre Kinder“ am 22. September um 19 Uhr in der Urania Berlin. Näheres unter www.dreilindenfilm.de . (Trailer zum Film auf TooCrazyFilms)
* Vermutlich wurden Poppenberg die enormen Einnahmen aus seinen evolutionskritischen Filmen mittlerweile schon selbst unheimlich, dass er sich jetzt einem anderen Thema zuwendet. Oder die Geldspeicher sind so voll, dass kein Kopfsprung in die Münzen mehr möglich ist. (Im Ernst: Wäre Kreationismus ein so florierendes Business wie Abtreibung, könnten sich Kutschera und Co. warm anziehen.)
** "The Root of all Evil? - Teil 1" auf Google Video
"The Root of all Evil? - Teil 2" auf Google Video
*** Praktisch alle Frauen, die sich durch eine derartige Gehsteigberatung für ihr Kind entschieden haben, sind dankbar und glücklich über diese Entscheidung. Das wirft ein interessantes Licht auf den so oft beschworenen Rechtekonflikt Frau versus Kind.
Sonntag, 29. Juli 2007
Im Land der Blinden
"The Country of the Blind" erzählt von einem Bergsteiger, der durch einen Unfall in den Ecuadorischen Anden in ein, vom Rest der Welt isoliertes Dorf gelangt, dessen Bewohner seit der 14. Generation blind sind. Wells verkehrt mit der Geschichte die Aussage der eingangs erwähnten Redensart ins Gegenteil. Der Sehende wird nicht zum König, denn er redet für die Dorfbewohner nur wirres Zeug (Vokabular für sichtbare Dinge ist logischerweise verschwunden), er stolpert in ihren dunklen Häusern, und durch die verbesserten restlichen Sinne der Blinden bringen seine funktionierenden Augen keinen Vorteil. Im Gegenteil, er wird zum bemitleidenswerten Sonderling, und am Ende verlangt man von ihm sogar, seine Abnormalität heilen, d.h. seine Augen entfernen zu lassen, um von der Gemeinschaft akzeptiert zu werden.*
An diese Geschichte musste ich kürzlich in einer Diskussion um methodischen Naturalismus (MN) und Intelligent Design denken. ID-Vertreter argumentieren, dass ein dogmatisch angewendeter MN nur naturalistische Ursachen erlaube, unabhängig davon, ob es diese auch immer gibt. In diesem Sinne ist man zwar nicht blind, schränkt aber das, was man sehen kann, von vornherein ein - weil es in der wissenschaftlichen Gemeinde so üblich sei und bisher auch erfolgreich praktiziert wurde. ID-Vertretern wird vorgeworfen: "Ihr schließt einen übernatürlichen Designer nicht aus, genau das macht man aber in der scientific community." Eine freiwillige Beschränkung der Sicht würde also auch hier zur Akzeptanz der Gemeinschaft führen.**
* Die Geschichte hat gewisse Parallelen mit Platons berühmten Höhlengleichnis.
** Wenn man´s glaubt. ;)
Dienstag, 8. Mai 2007
Der perfekte House-Arzt
Die einzelnen Folgen sind gut geschrieben, wenn auch manchmal etwas konstruiert - da rastet schon mal ein nymphomanisches, minderjähriges Model auf dem Laufsteg aus, weil sie Krebs in einem bisher unentdeckten Hoden hat. Und insgesamt gesehen gewinnt man den Eindruck, dass der menschliche Körper ein ziemlich fragiles, unberechenbares Gebilde ist, dass jederzeit auf tausenderlei skurrile Arten seinen Exitus finden kann. Letzteres wird in anderen Serien wie CSI Miami dann auch wesentlich mehr zelebiert.
Ähnlich wie in den zahllosen Horrostreifen der letzten Zeit steht hier in Bezug auf die "Maschine Organismus" das destruktive Element wesentlich mehr im Vordergrund. Die Weisheit Quentin Tarantinos - "Es ist interesanter einem Auto beim Explodieren zuzuschauen als beim Parken" - hat gegen die alte chinesische Weisheit - "Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten, doch kein Professor der Welt konnte je einen herstellen" - gewonnen. Man könnte darüber spekulieren, ob das größere Interesse an zerquetschten Käfern damit zusammenhängt, dass die Professoren dieser Welt das Herstellen von Käfern, zumindest rein theoretisch und prinzipiell, als geklärt sehen - Fragezeichen also als Ausrufezeichen verkleiden - und sich die Faszination für Käfer deshalb auf das Zerquetschen beschränken muss -
Oder inwieweit das dadurch zum Ausdruck gebrachte Misstrauen gegenüber der Kontrolle des Geistes über den Mechanismus Körper einem grundsätzlichen Höherbewerten der Materie gegenüber des Geistes geschuldet ist.
House würde solche Fragen wohl mit einem Hochziehen der Augenbrauen und einem zynischen Kommentar beantworten. Nur mit welchem?
(RTL wiederholt ab heute die erste Staffel)
Dienstag, 24. April 2007
Charles Robert D. - Ein Nachruf

Vor gut 125 Jahren - am 26. April 1882 wurde Charles Robert Darwin in der Londoner Westminster Abbey bestattet. Am 19. April des selben Jahres verstarb Charles Robert Darwin im Londoner Stadtteil Downe im Alter von 73 Jahren. Obwohl sein Beitrag zur westlichen Zivilisation zu diesem Zeitpunkt aus zahlreichen wissenschaftlichen Abhandlungen inclusive berühmter Werke wie "Die Entstehung der Arten" und "Die Abstammung des Menschen" bestand, wird heute der 12. Februar als "Darwin Day" mit Evolutionshymnen und Stammbäumen aus Schokolade gefeiert, der Tag, an dem Darwins Beitrag zur westlichen Zivilisation vor allem aus einem ungehemmten Schreien bestand. Die Herausgabe von "Die Entstehung der Arten" am 24. November 1859 wird als "Evolution Day" begangen. Einige christliche Kirchen feiern den Sonntag, der Darwins Geburtstag am nächsten liegt, als "Evolution Sunday". 2009 wird sowohl das 150. Jubiläum der Veröffentlichung von "Die Entstehung der Arten" gefeiert, als auch der 200. Geburtstag von Charles Robert Darwin.
Am 23. Juni jährt sich zudem der Todestag von Charles Robert Darwins Schildkröte Harriet zum ersten Mal, die 2006 im Alter von 176 Jahren im Australia-Zoo im nordöstlichen australischen Bundesstaat Queensland an Herzversagen verstarb. Falls entsprechende Pläne nicht bereits vorliegen, sei hiermit der 23. Juni als offizieller Harriet-Day vorgeschlagen.
Am 19. April 1882 hörte Charles Robert Darwin also auf zu existieren - Was an dieser Stelle Anlaß zu folgender Frage sein soll: Was wäre, wenn er nie existiert hätte? Darwins Evolutionstheorie beruhte - wie so viele Theorien und Erfindungen - auf zahlreichen, ihm vorangegangenen Arbeiten und Beobachtungen. Bereits sein Großvater, der Naturwissenschaftler, Erfinder und Poet Erasmus Darwin formulierte in seinem Werk Zoonomia die Idee, dass alles Lebendige von einem gemeinsamen Vorfahren abstamme - für ihn mikroskopisch kleine Muscheln - und sich somit ein Stammbaum aller Lebensformen konstruieren lassen müsse. Zeitgleich mit Charles Darwin entwickelte Alfred Russel Wallace die Theorie einer natürlichen Ursache für Evolution durch graduelle Variation und natürliche Selektion.
Die Annahme liegt nahe, dass die Zeit einfach reif war für eine Theorie, wie sie Darwin formulierte. Und vielleicht erntete Darwin allen Ruhm, weil er einen einmaligeren und zur Ikonenbildung geigneteren Namen hatte als Wallace. Alfred Russel Wallace hätte mit Edgar Wallace konkurrieren müssen, und vielleicht hätte man später "Der Frosch mit der Maske" für einen Dokumentarfilm über Mimikry unter Amphibien gehalten -- während der Name Darwin - abgesehen vom heute eher vergessenen Erasmus Darwin - etwas einmaliges hat. Er geht leicht über die Lippen - man denke an Darwin im Kreuzverhör, Darwins Irrtum, Darwins Alptraum, etc. - und enthält zudem das englische Wort 'win'.
Eine eindeutigere Antwort liefern aber vielleicht diejenigen, die heute Darwins Theorie zu widerlegen versuchen. Wissenschaftler, die den Gedanken einer gemeinsamen, rein naturalistisch erklärbaren Abstammung allen Lebens auf der Erde anzweifeln. Die Annahme übernatürlicher Wirkprinzipien - wie sie für Newton, Kepler und Co. noch selbstverständlich war - gilt heute als unwissenschaftlich, als intellektuelle Bankrott-Erklärung.
Was aber resultiert aus dem Ausschluß übernatürlicher Wirkprinzipien im Bereich der Biologie? Was wäre geschehen, wenn man die "Arbeitshypothese Gott" in der Astronomie und der Physik erfolgreich aufgegeben, aber nur in der Biologie keine befriedigende naturalstische Alternative gefunden hätte? Also kein Survival of the fittest, etc? Hätten sich Biologen für intellektuell bankrott erklären lassen? Ich glaube eher, man hätte die "Hypothese Gott" auch in der Biologie aufgegeben, und zwar auch ohne eine befriedigende Alternative. Hätte man sich dann nicht die Lebensformen angesehen und angenommen, dass die komplexeren auf die einfacheren zurückzuführen sein müssten? Und die einfacheren wiederum auf chemische Prozesse unbelebter Materie? Und würde man nicht jede Fähigkeit von Lebewesen zur Veränderung grundsätzlich als Beweis für eine gemeinsame, realgenetische Abstammung sehen, als Mechanismen, die man nur richtig extrapolieren muss? Wäre die Abstammung des Menschen von primatenartigen Säugetieren nicht weniger eine Theorie, sondern vielmehr die einzig logische Konsequenz einer naturalistisch-wissenschaftlich betriebenen Biologie? Und das alles ohne Charles Robert Darwin?
Sonntag, 11. März 2007
Murphys Universum
Murphys Gesetz ist praktisch dafür verantwortlich, dass das Leben der meisten Menschen ab einem gewissen Zeitpunkt eine lange Phase der Desillusionierung ist. Je angenehmer beispielsweise der Beruf ist, den wir ergreifen wollen, um so größer ist die Zahl der potentiellen Mitbewerber und damit die Wahrscheinlichkeit, den erträumten Beruf nicht ergreifen zu können. Eine ähnliche Logik greift leider oft auch bei Faktoren wie 'Attraktivität eines favorisierten Lebenspartners' und 'Wahrscheinlichkeit der Gen-Weitergabe mit eben diesem', und vielen anderen.
Der moderne Alltag erzieht Menschen praktisch zu methodischen Pessimisten. Gibt es eine positive und eine negative Möglichkeit - lebt am Nordpol ein vollschlanker Philanthrop, der eine Spielzeugmanufaktur mit jährlichen internationalen Export betreibt, oder ist das nur ein verkleideter Bekannter; werde ich Formel-1-Fahrer oder Hartz-4-Empfänger; werde ich mit meiner Jugendliebe ein Leben lang zusammen und glücklich sein oder nicht; ... - ist die negative Option fast immer die wahrscheinlichere.
Ich glaube, dass sehr viele Menschen mit diesem alltagserprobten 'methodischen Pessimismus' auch an Fragen metaphysischer Tragweite herangehen. Wie: "Hat das Leben einen tieferen Sinn?", "Sind wir nicht mehr als ein strukturierter Haufen Biomasse, und bleibt nach unserem Tod auch nicht mehr übrig?" oder "Gibt es einen übergeordneten Geist, der gut und uns wohlgesonnen ist?" (Was letztlich ein Kathegorienfehler ist.)
Und oft ist dieser methodische Pessimismus sogar stärker als das Empfinden für rationale Zusammenhänge. Zum Beispiel lautete kürzlich ein Leserbrief in einem Wissenschaftsmagazin, als Reaktion auf einen Beitrag zum sogenannten Fine-Tuning im Universum, in etwa: Wenn die Werte der Naturkonstanten wie extra für Leben wie das unsrige eingestellt wirken, dann messen wir sie wahrscheinlich falsch. Für solch ein Höherbewerten des eigenen Empfindens gegenüber wissenschaftlichen Methoden und Daten sind sonst eigentlich eher Kreationisten verschrien.
Ich denke, darin liegt auch eine entscheidende Ursache für die allgemeine Akzeptanz des Evolutionsgedankens. Er impliziert negative Konsequenzen - kein freier Wille, kein Leben jenseits des physischen, etc. - und fühlt sich deshalb für viele wahrscheinlicher an als Schöpfung. (Ein Haken an dieser Überlegung ist natürlich, dass naturalistische Evolution für manche auch scheinbar positive Konsequenzen hat, wie z.B. das Fehlen einer übergeordneten moralsetzenden Instanz, gegenüber der man Rechenschaft ablegen muss.)
Sonntag, 4. März 2007
ID und Kunst
Was auf dem ersten Blick vielleicht ein bisschen nach „Was die anderen können, können wir auch“ aussieht, macht auf den zweiten sehr viel Sinn. Denn eine ausschließlich naturalistische Sichtweise, wie sie innerhalb des Evolutions-Paradigmas stattfindet, reduziert Kunst und Kunstwerke in letzter Konsequenz auf reine Naturprodukte; stellt sie also letztlich auf eine Stufe mit Walgesängen oder Bienenwaben. Damit soll letztgenannten Dingen nicht jeglicher künstlerischer Wert abgesprochen werden. Wenn jedoch Kunst wie auch jede andere menschliche Tätigkeit auf Eigenschaften reduziert wird, die ein Individuum im Gegensatz zu Artgenossen eher überleben lassen - letztlich also der Fortpflanzung dienen, auf diverse Eigenschaften und Reaktionen von Molekülen beziehungsweise auf die Gesetzen der Chemie und Physik unterworfenen Prozesse eines Neuronennetzwerkes, dann haben Begriffe wie Kreativität oder künstlerische Freiheit irgendwann nur noch den Stellenwert von nützlichen Illusionen. Ein Trend, der sich in der Neuropsychologie auch zunehmend abzeichnet.
Diese Betrachtungsweise muss sich nicht direkt auf das menschliche Handeln und somit auf künstlerische Tätigkeit auswirken (Zum Glück, möchte man sagen). Eine völlige Negation des freien Willens ist im Alltag letztendlich nicht auslebbar. Damit kann ein Künstler wohl auch gleichzeitig kreativ tätig sein und seine Tätigkeit auf einer Meta-Ebene als reines Produkt nicht willentlich gesteuerter Vorgänge sehen. Wie befriedigend das ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Als selbst kreativ tätiger Mensch sehe ich jedoch innerhalb eines von Intelligent Design ausgehenden Paradigmas ein Verständnis von Kunst, das dem Empfinden derer entspricht, die sie betreiben, überhaupt erst als gegeben.
Der Schauspieler und Regisseur Klaus Maria Brandauer hat diesen Konflikt in einem Interview meines Erachtens sehr schön geschildert, auf die Frage, ob es Gott gäbe:
„Ich denke, dass es diesen übergeordneten Geist gibt. Den lieben Gott, Das glaube ich hundertprozentig. Manchmal wache ich nachts auf, schweißgebadet, und denke: Nein, unmöglich. Das ist doch alles lächerlich, es gibt doch Millionen Gegenbeweise. Und manchmal wache ich nachts auf und denke mir: Es gibt ihn doch. Ich hätte auch nicht gern, dass wir nur Materie sind. Das widerspricht meinem Künstlertum.“
(Reader´s Digest Deutschland, November 2006)