Donnerstag, 24. März 2011
Licence to Kill
Wenn eine Abtreibung ohne das Wissen der Mutter als Mord bewertet wird, stellen sich schon merkwürdige Fragen. Ist es nicht grundsätzlich Mord, sondern nur, wenn es nicht auf einer freien Willensentscheidung der Mutter beruht? Dann hätte die Mutter also quasi die Lizenz zum Töten...
Sonntag, 30. Mai 2010
Fleisch macht schlau
Vielsagend ist schon der erste Satz: "Vorab an alle Vegetarier, Veganer und passionierten Salatverzehrer: Ohne Fleisch, tut uns leid, ohne Fleisch kein Mensch, kein Homo sapiens. Ohne Fleisch wären wir noch Affen." Was gleich die Freude bei den doofen Körnerfressern dämpfen soll, offenbart eigentlich die ultimative Rechtfertigung für Fleischkonsum jeder Form: Was uns zum Menschen machte, kann an sich nicht schlecht sein. Die Speiseplan-Erweiterung des Frühmenschen auf Fleisch soll innerhalb einer Million Jahren eine Verdreifachung des Hirnvolumens bewirkt haben. Und da wir keine Reißzähne haben und uns vor rohem Fleisch auch eher ekeln, vor allem wenn es noch irgendwie an den früheren Besitzer erinnert, muss das Fleisch natürlich gegrillt, gekocht oder gebraten und ordentlich gewürzt sein.
Populärwissenschaftliche Texte mit evolutionsbiologischem Hintergrund heben dementsprechend auch regelmäßig nur positive Aspekte des Verzehrs unserer lieben Verwandten hervor. Im Focus-Artikel Das Geheimnis unseres Erfolges heißt es beispielsweise: "Das Fleisch – ein sehr kalorienreiches Nahrungsmittel, das zudem viele ungewöhnliche Fettsäuren enthält – ermöglichte es den Frühmenschen, größere Gehirne zu entwickeln." Da fragt man sich ernsthaft, warum die fleischverarbeitende Industrie nicht längst die Evolutionsbiologie für ihre PR entdeckt hat. Mal ehrlich, ein Werbespot mit diesem Satz, vielleicht noch mit einem Kind, das gerade herzhaft in sein Brot mit Bärchenwurst beißt... welche Eltern würden da nicht ein großes Stück Fleisch neben die Zuckerbomben mit der Extraportion Milch in den Einkaufswagen legen?
Auch ein schönes Beispiel ist Der kochende Affe aus dem Tagesspiegel: "Das Kochen lässt außerdem Gifte zerfallen, es tötet Krankheitserreger ab, es hat eine konservierende Wirkung, und es macht etliche Nahrungsmittel überhaupt erst genießbar." Dass Vitamine hitzeempfindlich sind und bei manchen Erhitzungsarten auch Gifte entstehen, wie Acrylamide oder PAK, wird nicht erwähnt. Kein Wort auch vom erwiesenen Zusammenhang zwischen vermehrten Konsum von rotem Fleisch und erhöhtem Krebs- und Herzinfarktrisiko. In dem Zusammenhang müsste man eigentlich auch annehmen, dass unsere Vorfahren, die während der harten und kargen Eiszeiten hauptsächlich auf Fleisch von Mammut und Co. zurückgreifen mussten, ein mindestens ähnliches Gesundheitsrisiko hatten. Man könnte natürlich argumentieren, dass sie gar nicht in das Alter kamen, in dem der Herzkasper zuschlägt, allerdings mutet es schon etwas seltsam an, das etwas, was das Individuum krank macht, auf die Gemeinschaft als Ganzes längerfristig positiv gewirkt haben soll, indem es die Intelligenz erhöhte.
Die Losung 'Fleisch machte uns zu Menschen' oder 'höherer Proteinkonsum = wachsendes Hirn = wachsende Intelligenz' hat aber auch andere seltsame logische Implikationen. Zum einen kann man sich fragen, ob eine rein quantitative Größenzunahme eines Organs tatsächlich automatisch einen entsprechenden Qualitätszuwachs bei der Funktion des Organs herbeiführt. Kurios ist in dem Zusammenhang auch, dass in populärwissenschaftlichen Darstellungen oft Ursache und Wirkung verwechselt werden, nach dem Motto 'Das wachsende Hirn brauchte Nährstoffe'. In einem Buch, das ich gerade lese, heißt es beispielsweise mit Bezug auf Balkenfasern, die beide Gehirnhälften verbinden: "[...] die Evolution [ließ] sich beim Homo sapiens etwas Neues einfallen [...] Da sie den Babykopf nicht noch weiter vergrößern konnte, kam es zu einer Aufgabenteilung zwischen den beiden Häften [...]" Wenn Evolutionsbiologen meinen, solche Zusammenhänge auch rein physisch-kausal erklären zu können, wenn sie nur wollten, dann muss man Wissenschaftsjournalisten wohl vorwerfen, dass sie das noch nicht einmal wollen...
Auch der Zusammenhang zwischen wachsendem Hirn und wachsender Intelligenz kann in Frage gestellt werden. Zum einen hatte Homo floresiensis mit einem Hirn von Schimpansengröße eine erstaunliche handwerkliche Begabung, und das noch vor maximal 100.000 bis 15.000 Jahren. (Was zum Teil damit erklärt wird, dass auch ein kleines Gehirn leistungsfähig sein soll, wenn die Neuronen entsprechend intensiv verknüpft sind. Wenn aber die Möglichkeit intensiverer Vernetzung als grundsätzliche Alternative zur Hirnvergrößerung besteht, dann fragt sich, wieso Mutter Natur die Hirne überhaupt wachsen ließ, wenn damit erhebliche Risiken bei der Geburt, etc. verbunden sind) Zum anderen hatten Neandertaler und Cro-Magnon-Mensch ein größeres Gehirn als der Jetztmensch (letzterer über 16 cm³ im Vergleich zu heutigen 12 bis 14 cm³) Außerdem scheint auch mit erheblich verringerter Hirngröße eine Intelligenz möglich, die deutlich über der von Primaten liegt, wie der Fall eines französischen Beamten zeigte, der seinen Alltag mit einem Zehntel Gehirn meistert.
Zudem zeigen Säugetiere, die Fleisch konsumieren, bisher keine Tendenz zu wachsendem Hirn bzw. Hirnleistung. Was im Focus-Artikel folgendermaßen kommentiert wird: "Das Fleisch war zwar notwendige Bedingung für das Wachstum des Gehirns und damit die Evolution des Menschen, es war aber nicht die Ursache, schließlich hätten sonst auch alle möglichen anderen Fleischfresser eine ähnliche Entwicklung durchmachen müssen. William Leonard führt die rasante Entwicklung auf viele Faktoren zurück, die sich gegenseitig verstärkten. Mehr Fleisch bedeutete eine Begünstigung des Gehirnwachstums, dadurch erweiterte sich die Lernfähigkeit, was wiederum ein komplexeres Sozialleben ermöglichte und die Entwicklung innovativerer Werkzeuge oder Jagdtechniken." (Wobei das die entscheidende Frage eigentlich nur verschiebt, denn warum zeigen sich dann eben diese verstärkenden Faktoren nicht bei anderen Fleischfressern?)
Wenn erst gekochte oder anderweitig erhitzte Nahrung die Hirn-Kraftnahrung sein soll, dann könnte man sich auch fragen, wie unsere Vorfahren überhaupt den Intelligenzstatus erreichten, der für entsprechende Zubereitungstechniken nötig ist. Immerhin gehört schon einiges dazu, ein Feuer zu machen oder Wasser aufzusetzen. Oder wenigstens das Fleisch von Aas zu zerschneiden oder Knochen aufzubrechen.
Davon abgesehen sollte eine entsprechende Wirkung bei rezenten Tieren eigentlich nachweisbar sein, wenn auch nur ansatzweise. Immerhin könnte man ja annehmen, dass der Mensch schon früh domestizierte Tiere mit durch Kochen "vorverdauter" Nahrung fütterte. Literatur zu entsprechenden Langzeitversuchen, Pflanzenfresser mit rohem oder hitzebehandeltem Fleisch, bzw. gekochter pflanzlicher Kost zu ernähren, habe ich leider nicht gefunden. Allerdings wird in entsprechenden Tierforen dringend davon abgeraten, pflanzenfressende Tiere mit Fleisch zu füttern...
Samstag, 3. Oktober 2009
Von Frauen und Kaulquappen
Die Beschreibung dieses Gegenprotests beim Humanistischen Pressedienst ist von Zynismus nur so durchtränkt. Man beschwert sich darüber, dass die massive Störung einer völlig legalen und völlig gewaltfreien Demonstration von Polizisten behindert wird - was eigentlich selbstverständlich sein sollte und in noch stärkerem Ausmaß wünschenswert wäre ("Die euphorische Stimmung wurde jedoch durch die zahlreiche Anwesenheit von Polizisten getrübt"). Die Slogans der Linksradikalen waren auf maximale Verletzung der Gefühle der Marschteilnehmer angelegt ("Hätt Maria abgetrieben, wär uns das erspart geblieben" (!) oder "Föten zu Pflugscharen" [sic]) bei gleichzeitiger Abwesenheit vernünftiger Argumente, was ein interessantes Licht darauf wirft, was die selbsternannten "Humanisten" unter Humanismus verstehen, und wie human sie mit denen umgehen, die nicht ihr Konzept von Humanität teilen. Dass unter den Marschteilnehmern auch zahlreiche Kinder und ältere Menschen waren, störte die Linksradikalen dementsprechend wenig. Im Gegenteil, der Psychoterror "zeugte von der positiv geladenen, emanzipatorischen Stimmung der Pro-Choice Demonstranten". Einer Frau, die über negative Erfahrungen mit einer Abtreibung berichtet, wird von der Verfasserin (!) mal eben psychische Labilität unterstellt. Dass Abtreibungsgegner regelmäßig in die rechte Ecke gestellt werden, als "Frauenfeinde" bezeichnet werden (Mütter und ihre Kinder dabei potentiell als Gegner ausgespielt werden, getreu dem Motto 'Wer für das Kind ist, ist gegen die Mutter') und der Mord an einem Abtreibungsarzt in den USA erwähnt wird, ist dabei schon Usus der Berichterstattung.
Höhepunkt der "euporischen" und "positiv-geladenen" Stimmung war schließlich die öffentliche Verbrennung einer Bibel. Spätestens hier muss man an Heine und sein berühmtes Zitat über Menschen, die Bücher verbrennen, denken. Oder auch an George Orwells 1984, in dem er die systematische Pervertierung von Begriffen und Werten vorwegnimmt (Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei). Eine Organisation, die sich selbst "Pro Familia" nennt, beteiligt sich aktiv an einer Demonstration gegen "religiöse Dogmen" wie "Familienzentriertheit"; selbsternannte "Humanisten" versuchen, ihre Gegner möglichst schmerzhaft unter der Gürtellinie zu treffen; und selbsternannte "Antifaschisten" praktizieren letztlich sogar die Rituale von Nationalsozialisten.
Wie eng diese radikale Ideologie mit der Idee einer allgemeinen Evolution verflochten ist, zeigt der Text einer jungen Frau, der auf der Internetseite der Linken in Schleswig-Holstein veröffentlicht wurde, nach kritischen Stimmen (siehe hier oder hier) jedoch wieder entfernt werden musste. Darin fielen interessante Sätze wie: "Ein Embryo/Fötus befindet sich in einem Zustand der Dämmerung, etwa vergleichbar mit dem unbewussten Gefühlsleben einer Pflanze." oder "Er ist kein Individuum und befindet sich im besten Falle auf der evolutionären Stufe mit einer Kaulquappe, aber ganz sicher nicht mit einem Menschen" oder auch "Behinderte Menschen liegen dem Sozialstaat auf der Tasche, werden seit Menschengedenken als unnütze Esser betrachtet".
Donnerstag, 5. März 2009
Es geht auch anders
Auszug:
1. Eine Auffassung, die Religion lediglich als „Gotteswahn" (Richard Dawkins) versteht oder meint, sie „vergiftet alles" (Christopher Hitchens), kann nicht deren soziale Bedeutung als Erkenntnis-, Identitäts-, Integrations- oder Orientierungsfaktor begreifen und fällt hinter den Stand der Religionskritik von Feuerbach, Marx, Darwin und Freud zurück.2. Die Annahme, „eine Welt ... in der es keine Religion gibt", kenne „keinen Krieg zwischen Israelis und Palästinensern ... keine ‚Probleme' in Nordirland" (Richard Dawkins), ignoriert, dass Religion nicht für alles Elend und Übel der Welt verantwortlich ist und häufig lediglich als ideologischer Deckmantel für anders motivierte Konflikte dient.
[...]
5. Der Umgang von Atheisten mit Religiösen sollte von den Prinzipien des Kantschen Kategorischen Imperativs* geprägt sein, oder: „Wenn Atheisten nicht von Theisten mit negativen Vorurteilen konfrontiert werden möchten, dann dürfen sie das auch nicht bei Theisten machen" (Michael Shermer).
12. Die bedeutenden Konfliktlinien verlaufen heute nicht zwischen Atheisten und Gläubigen, sondern zwischen Demokraten und Extremisten, Menschenrechtlern und Unterdrückern - was eine Kooperation von atheistischen und religiösen Demokraten gegen Fanatiker der unterschiedlichsten Richtungen möglich und notwendig macht.
Na dann: spread the message! ;)
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* In der Bibel übrigens schon einige Jahrtausende vor Kant formuliert.
Donnerstag, 23. Oktober 2008
Gastbeitrag
Zu diesem Thema hat Josef Bordat einen Gastbeitrag verfasst, für den ich ihm sehr danke.
Josef Bordat
Darwinismus und Sozialstaat
Charles Darwin war - entgegen anderslautender Beteuerungen - „Sozialdarwinist“ (Bauer 2008: S. 16), weil er sein Prinzip der Evolution (Entwicklung als Ergebnis von Auswahl und Anpassungsleistung in einer Situation der Konkurrenz) auch auf die menschliche Gesellschaft übertrug. So schrieb er: „Wie jedes andere Tier, so ist auch der Mensch ohne Zweifel auf seinen gegenwärtigen hohen Zustand durch einen Kampf um die Existenz in Folge seiner rapiden Vervielfältigung gelangt.“ (1871: S. 700). Nach dieser Beschreibung folgt die Forderung: „Und wenn er noch höher fortschreiten soll, so muss er einem heftigen Kampfe ausgesetzt bleiben.“ (2005 [1871]: S. 700). Wie „jedes andere Tier“ muss sich der Mensch also im „Kampf“ gegen seinesgleichen behaupten, damit sich die Menschheit entwickeln kann.
Wie passt da der auf Solidarität ausgelegte Sozialstaat hinein? Äußerst schlecht, wie schon Darwin selbst feststellte. So kritisierte er ihn als gegen den Selektionsmechanismus gerichtetes Übel (2005 [1871]: S. 148), eine Einschätzung, die Richard Dawkins teilt (2004 [1976]: S. 198), auch wenn er stets beteuert, selbst nicht in einer Gesellschaft, die nach darwinistischen Spielregeln funktioniert, leben zu wollen, weil diese faschistisch sei (Die Presse, 30.7.2005; Frage: Wie kann sich eine Gesellschaft bloß von diesen Regeln befreien, wo ihre Mitglieder doch auf Gedeih und Verderb auf sie angewiesen sind? Sie sucht sich diese Regeln ja nicht aus, mehr noch: es gibt ja gar keine Alternative, wenn man - wie Dawkins - außerhalb der Evolution nichts für möglich hält, das normativ auf den Menschen durchschlagen könnte.).
Soweit die Biologen. Was machen die Wirtschaftswissenschaftler mit diesen Vorgaben? Sie nehmen sie dankbar auf, insbesondere dann, wenn ihnen als Berater des politischen Neoliberalismus’ der Sozialstaat sowieso ein Dorn im Auge ist. Der US-Ökonom Paul Krugmann, Wirtschafts-„Nobelpreis“träger 2008 und Liberalismus-Kritiker, schreibt, dass sich ein Lehrbuch der neoklassischen Mikroökonomie wie eine Einführung in die Mikrobiologie liest. Und der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Ewald Walterskirchen wies auf den engen Zusammenhang zwischen dem heutigen Neoliberalismus in der Wirtschaft und dem Neodarwinismus in der Biologie hin: „Beide Theorien gehen davon aus, dass nur zufällige Veränderungen/Anpassungen über Selektion bzw. Wettbewerb den Entwicklungsprozess bestimmen.“ (Der Standard, 16./17.7.2005). Das Evolutionsprinzip wird auf den Markt übertragen. Solidarität wird nur dann eingefordert, wenn die „falschen“ Marktteilnehmer vom Aussterben bedroht sind. Das ist nicht erst seit der „Bankenkrise“ so.
In der Ökonomie zeigt sich die Nähe zur Biologie besonders in den Arbeiten Friedrich von Hayeks, der als einer der Väter des Neoliberalismus gilt. Walterskirchen: „Hayek, Spross einer Biologenfamilie, spricht explizit von ,Aussiebung’ durch den Markt. Hayek hält etwa eine hohe Arbeitslosenquote - analog zum Wert des Populationsüberschusses in der Tierwelt - für ökonomisch wünschenswert, damit die natürliche Selektion optimal greifen kann.“ (Der Standard, 16./17.7.2005). Im Klartext: Den angepasstesten Arbeitnehmer gibt es unter den Bedingungen extrem vieler Mitkonkurrenten. Wenn der Selektionsdruck nur hoch genug ist, passt sich das „Arbeitnehmertier“ an jede sich bietende Nische an. Walterskirchen sieht durch diese Logik den Sozialstaat bedroht: „Die OECD, der Hort des Neoliberalismus, interpretiert die wirtschaftliche Krise in Europa einfach als mangelnde Anpassungsfähigkeit an Schocks - ganz ähnlich wie die Neodarwinisten das Aussterben von Tierarten. Die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen aus diesen Überlegungen sind klar: Die Wirtschaftspolitik braucht nur die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit der Selektionsmechanismus Markt richtig greifen kann. Im Klartext läuft dies darauf hinaus, das europäische Sozialmodell abzuschaffen.“ (Der Standard, 16./17.7.2005).
An diesen fatalen Zusammenhang von Liberalismus und Darwinismus erinnerte Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien, im Rahmen einer Katechese unter dem Titel „Schöpfung und Evolution: Warum diese Debatte so wichtig ist“ (Die Tagespost, 5.8.2006), in der er die Bildung als weiteren Aspekt in die Debatte hineinträgt: „Ein Grundparadigma von Bildung heute ist die Anpassung unter dem Aspekt der Nützlichkeit - vor allem für den Arbeitsmarkt. Schlüsselkompetenzen wie Mobilität und Flexibilität sind hoch im Kurs, vergessen die Grundlinien katholischer Soziallehre: Die Wirtschaft ist für den Menschen da - nicht umgekehrt; vergessen zum Teil die Grundaufgabe von Schule und Bildung, auch zu Widerständigkeit zu erziehen und zu bilden.“ (Die Tagespost, 5.8.2006). Diese Widerständigkeit braucht es wohl, um dem „mörderischen darwinistischen Albtraum“, wie Woody Allan das Leben einmal nannte, einen Sinn abzuringen, und an Quellen der Normativität zu glauben, die außerhalb des Evolutionsmechanimus’ liegen.
Literaturnachweis:
Bauer (2008): Das kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus. Hamburg.
Darwin (2005 [1871]): Die Abstammung des Menschen. Paderborn.
Dawkins (2004 [1976]): Das egoistische Gen. Reinbek bei Hamburg.
Zum Autor:
Josef Bordat, geb. 1972, Studium des Wirtschaftsingenieurwesens (Dipl.-Ing.), der Soziologie und Philosophie (M.A.) in Berlin. Mitglied des Vorstands einer privaten Arbeitsvermittlung und Dozent. Promotion zum Dr. phil. Derzeit freier Publizist. Weitere Informationen: http://josefbordat.wordpress.com.
Dienstag, 29. Juli 2008
Beware! ID in the movies...
Vor eineinhalb Monaten hieß es zum US-Kinostart von The Happening auf Uncommon Descent: Another pro-ID movie opens on 2,986 theater screens. Und „...the Darwinists have no idea what will is yet to be unleashed on them in the culture war. They’ve only been sparring with the scouting parties so far.“
Mittlerweile ist The Happening auch in Deutschland gestartet, bzw. aus den meisten Kinos schon wieder raus. Die meisten Kritiken und Zuschauermeinungen waren erstaunlich schlecht. Ausgehend davon könnte man meinen, dass The Happening tatsächlich „basically a giant propaganda machine for intelligent design“ ist.
Was The Happening zum „Biggest Intelligent Design Movie of the year“ machen soll, ist letztenendes ein Satz: "It's an act of nature that we can't understand." Menschen, die sich seelenruhig von Löwen zerfleischen lassen oder unter Rasenmäher legen? Langweilig! Biologielehrer, die von Naturphänomenen reden, die nicht verstanden werden können? Der reinste Horror!
Aber es wird noch gruseliger: "Science will come up with a reason to put in the books but in the end it's just a theory. We fail to acknowledge forces at work beyond our understanding. To be a scientist, you must have a respectful awe for the laws of nature." Spätestens hier sollte man automatisch die Geigenakkorde aus der berühmten Psycho-Duschszene hören. Die Wissenschaft kann nicht alles erklären? Es gibt Phänomene, die wir vielleicht nicht erklären können, die wir aber trotzdem respektieren sollten? Das kann nur böse Pseudowissenschaft vom Schlage des Intelligent Design sein!
Ausgerüstet mit dieser Argumentation erkennt der Reviewer natürlich eindeutige Anzeichen für die antiquierte Moral der IDler: Alma, die Frau des Protagonisten, will noch keine Kinder mit ihrem Mann, was sie böse macht (was nirgendwo im Film behauptet wird). Da fragt man sich, ob sämtliche Horrofilme verkappte ID-Promo-Maschinen sind, da die promiskuitivsten Teenager in diesen Filmen stets die ersten Opfer sind; ein Klischee, das in der Scream-Reihe parodiert wurde.
Am Ende des Films ist Alma tatsächlich schwanger und teilt das freudig ihrem Mann mit. io10.com kommentiert das folgendermaßen: „At last, Alma is doing what "nature" and "evolution" want her to do.“ Die wirkliche Ironie liegt hier eher darin, dass dieser Satz auch sehr gut ohne die Anführungszeichen funktioniert.
Sonntag, 13. April 2008
Der besondere Film
Am Donnerstag startete der Dokumentarfilm Sharkwater in einigen (leider zu wenigen) deutschen Kinos. Regisseur ist der Tauchlehrer und Meeresbiologe Rob Stewart. Er hatte ursprünglich einen schön fotografierten Film über Haie im Sinn, während der Dreharbeiten kam er jedoch Industriellen in die Quere, die ihr Geld mit Haifischflossen verdienen, und so wurde aus dem Film ein Real-Life-Thriller, der Regisseur und Crew oft in tödliche Gefahr brachte. (Hier ein Interview mit dem Regisseur)
Grundanliegen des Films ist es, das allgemeine Image von Haien als grausame
Tötungsmaschinen zu korrigieren und ein Bewusstsein für ihren Schutz zu schaffen. Beispielsweise sterben jährlich mehr Menschen durch Küchenunfälle oder Blitzschlag als durch Haie. Zumindest haben Haie kein besonderes Interesse an Menschen. Szenen wie zum Beispiel im James-Bond-Film "Leben und sterben lassen", wo ein paar Tropfen menschliches Blut im Wasser Haie zu unbarmherzigen Killern werden lassen, entsprechen nicht der Realität.*Aber warum haben Haie eigentlich dieses Image? Als erstes fallen den meisten da wohl Steven Spielbergs "Jaws" (Der weiße Hai)** und Filme wie den oben genannten ein. Und sicherlich ist der Hai in solchen Filmen nicht zuletzt aus dramaturgischen Gründen auf das möglichst pure Böse, den schwimmenden Sensenmann, reduziert. Aber es ist vielerlei Hinsicht auch die Auswirkung eines evolutionistischen Weltbilds, das immer wieder die monströse, unbarmherzige Seite der Natur betont, das 'Fressen und gefressen werden'. Dass ein millionen-Jahre-altes Erfolgsmodell dieses ewigen Kriegs der Natur dem Menschen seinen Spitzenplatz in der Nahrungskette streitig macht, passt da nur zu gut ins Bild.
* Auch Piranhas sind wesentlich weniger aggressiv als es im Bondfilm "Man lebt nur zweimal" angedeutet wird.
** Wenn ein Tier wie der Hai, das noch lebt und erforscht werden kann, so falsch dargestellt wird, dann kann man sich auch ungefähr ausrechnen, wie realistisch die blutrünstigen Saurier in Jurassic Park sind.
Dienstag, 25. März 2008
Imagine
Das Lied wurde zu einer Hymne der Friedensbewegung und suggeriert, dass Religion an sich genauso wie Nationalismus immer Gründe für Morde und Kriege liefern wird und damit ein Hemmnis für wirklichen Frieden ist. Eine derartige Auffassung hält sich bis heute bei vielen, nicht zuletzt aufgrund verschiedener politischer Entwicklungen (dazu auch hier). In manchen Foren sieht man beispielsweise als Signatur ein Bild der WTC-Türme mit der Unterschrift "Imagine no Religion".
Dass so eine Sichtweise selektiv, und damit bestenfalls naiv ist, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Gäbe es in einer Welt ohne Religion tatsächlich beispielsweise keine Selbstmordattentate? Sogenannte Amokläufer beweisen in trauriger Regelmäßigkeit das Gegenteil. Das Wort Amok kommt eigentlich aus dem Malaiischen und bedeutet ursprünglich einen Angriff aus blinder Wut heraus. Was in Medien oft als Amoklauf bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit jedoch eher ein geplantes Massaker, ein Selbstmordattentat, das sich von beispielsweise al-Qaida-Attentaten nur durch den Grad an Planung unterscheidet.* Worin genau unterscheidet sich ein Islamist, der mit einem Bombengürtel in ein Café geht, von einem jugendlichen Atheisten, der mit einem Arsenal an Waffen unter dem Mantel in seine Schule geht?
Das Phänomen der sogenannten Schulmassaker ist - entgegen dem, was "Bowling for Columbine" suggeriert - ein internationales, wie Massaker in Schottland, Kanada, Japan, Deutschland und zuletzt Finnland (November 2007) beweisen. Und es ist wohl kaum weniger bedenklich als die Gefahr durch religiöse Extremisten. Die Täter sind ohne Ausnahme alles andere als religiös.**
Aber auch im globalen Rahmen ist die Formel "Imagine no religion = Imagine all the people, Living life in peace ..." höchstwahrscheinlich nicht so simpel wie sie viele denken. Laut dem Ethnologen Günther Schlee beispielsweise ist die Ursache für Konflikte und Kriege eher der Kampf um Recourcen im allgemeinen, für den Religionen und Ethnien instrumentalisiert werden.
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* Im Tagebuch von einem der beiden Todesschützen von Littleton (1999) findet sich beispielsweise die Fantasie, ein entführtes Flugzeug über New York abstürzen zu lassen.
** Das Tagebuch des Attentäters von Emsdetten enthält folgenden Eintrag: "Warum soll ich mich noch anstrengen irgendetwas zu erreichen, wenn es letztendlich sowieso für'n Arsch ist weil ich früher oder später krepiere? Ich kann ein Haus bauen, Kinder bekommen und was weiss ich nicht alles. Aber wozu? Das Haus wird irgendwann abgerissen, und die Kinder sterben auch mal. Was hat denn das Leben bitte für einen Sinn? Keinen!"
Und zur oft geäußerten Auffassung, dass ein an sich sinnloses Leben den Sinn hat, den man ihm gibt (Leere ist Fülle, für den, der sie sieht, etc. pp.): "Nein, es gibt für mich jetzt noch eine Möglichkeit meinem Leben einen Sinn zu geben, und die werde ich nicht wie alle anderen zuvor verschwenden!"
Mittwoch, 27. Februar 2008
Teleologisches Denken - Gefahr oder Gewinn?
Oder etwas ausführlicher formuliert auf Seite 2:
„Mit Hilfe der Wissenschaft ist es so viel leichter, Leben zu schädigen und zu zerstören, als Leben zu schaffen, daß – so scheint es – etwas von dieser Tendenz in der heutigen Wissenschaft selbst enthalten sein muß. Die Technik entspringt eindeutig aus der Wissenschaft. Konsequenterweise sollten wir also nicht nur von einer Dämonie der Technik, sondern auch von einer Dämonie der Wissenschaft schreiben. Worin liegt diese Dämonie?"
Im Kontext der Zeit, in dem das Buch entstand, erscheint dieses Anliegen mehr als verständlich. Die Folgen der Nutzung atomarer Energie waren sowohl zivil als auch militärisch nicht absehbar und flößten nicht zuletzt aufgrund des Kalten Krieges vielen Menschen Furcht ein. Hiroshima und Nagasaki lagen gerade mal 17 Jahre zurück und die Auswirkungen waren noch umstritten. (Heitler erwähnt Berichte, nach denen die Folgen von Mutationen für Nachkommen von, der Strahlung ausgesetzten Eltern zwischen 15 % und 0 % (!) schwanken) Kernkraftwerke wurden gebaut („Aus Furcht, unsere Energiequellen würden [...] bald versiegen, fangen wir an, Kernkraftwerke zu bauen, obwohl bis jetzt niemand weiß, wie man den radioaktiven Abfall beseitigen kann), vor allem aber strebte die atomare Aufrüstung im Zuge des Kalten Krieges einer scheinbar schwer aufzuhaltenden Konfrontation entgegen, die 1962 mit der Kuba-Krise auch nur um Haaresbreite vermieden wurde.
Angesichts dieses allgegenwärtigen Gespenstes eines nuklearen Holocausts war die Frage nach einer der Technik respektive Wissenschaft selbst innewohnenden Dämonie sehr verständlich. Immerhin waren es Amerikaner – und nicht Nazis oder Sowjets – die Atombomben über bewohntem Gebiet zur Explosion brachten; und es war ein Pazifist wie Einstein – dem sogar Schachspielen aufgrund des kompetitiven Geistes zuwider war – der eine nukleare Aufrüstung ausdrücklich befürwortete. Es gab nur zwei Fronten, und beide schienen zum Einsatz der vernichtenden Technik jederzeit bereit. (Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem 11. September ist es mittlerweile wesentlich leichter, Wissenschaft und Technik von dieser Dämonie freizusprechen und das Augenmerk auf die Ideologien der benutzenden Parteien zu lenken, siehe Dawkins und Co.
Heitler streift bei seinem Versuch einer Antwort in zwei Kapiteln die Geschichte der Wissenschaft, die sich, ausgehend vom menschlichen Geist, der nun mal in Kategorien von Qualität und Teleologie funktioniert, immer mehr zu einer ausschließlich kausalen, differentiellen, quantitativen und deterministischen Sichtweise bekannte. Interessant fand ich dabei vor allem Goethes Widerstand gegen die rein quantitativ ausgerichtete Farbenlehre Newtons. (Die sehr gut in einem Gedicht Goethes zum Ausdruck kommt:
Möget ihr das Licht zerstückeln,
Farb´um Farbe draus entwickeln,
Oder andre Schwänke führen,
Kügelchen polarisieren.
Daß der Hörer ganz erschrocken,
Fühlet Sinn und Sinne stocken.
Nein, es soll euch nicht gelingen.
Sollt uns nicht beiseite bringen;
Kräftig wie wirs angefangen,
Wollen wir zum Ziel gelangen.)
Goethe versuchte sich an einer Farbenlehre, die davon ausgeht, dass qualitativ empfundene Farben wie Grün oder Rot objektive Größen sind, und nicht nur Interpretationen (sprich Illusionen) des Gehirns eines quantitativ beschreibbaren Licht-Substrats. In dem Zusammenhang merkt Heitler an:
„Es wäre z.B. ein Trugschluß, wenn wir sagen würden: „Die Farben existieren nicht, wenn kein Lebewesen da ist, das sie sehen kann, folglich existieren Farben nur in Lebewesen.“ Mit der gleichen Logik könnten wir schließen: „Elektromagnetische Wellen existieren nicht, wenn keine Wesen da sind, die sie messen können.““Natürlich hat sich eine ausschließlich kausal-differentiell-quantitativ-deterministisch orientierte Wissenschaft letztendlich durchgesetzt, und ihr Erfolg ist das stärkste Argument für sie. Erfolg ist allerdings auch ein relativer Begriff, vor allem wohl in Anbetracht von „Errungenschaften“ wie der Atombombe. Und einhergehend mit Heitlers Betrachtungen zu Goethes Farbenlehre, die auch nach Goethe weiterentwickelt wurde, stellt sich die Frage, inwieweit eine 'andere' Wissenschaft nicht nur möglich, sondern vielleicht auch noch erfolgreicher beziehungsweise erfolgreich in einem anderen Sinn gewesen wäre...
In einer inflationären Ausbreitung und ausschließlichen Anwendung dieser wissenschaftlichen Methode, die konträr zum menschlichen Empfinden ist (Qualität statt Quantität, Teleologie statt Determinismus) auf Gebiete, in die sie nicht angebracht ist, sieht Heitler dementsprechend logischerweise die Gefahr, die von der heutigen Wissenschaft und Technik ausgeht. Bleibt nur die entscheidende Frage: Wo genau ist diese Methode nicht angebracht?
Die kausal-deterministische Methode hat sicher keinen oder nur einen höchst bescheidenen Platz für alles, was Menschen angeht. Es dürfte wohl noch eine Skala von Zwischenstufen geben, wo das Prinzip der Kausalität beschränkte Gültigkeit hat. Vermutlich gehört die Biologie hierzu. Was wir hier also feststellen können, ist, daß eine allgemeine auf das Prinzip des Determinismus gegründete „Weltanschauung“ jeder Grundlage entbehrt. Jede Anwendung auf Menschliches ist nicht nur von Übel, sondern auch gänzlich unberechtigt.
Der Biologie widmet sich Heitler in einem eigenem Kapitel. Grundsätzlich hält er zwar physikalisch-chemische Ursachen allein für nicht ausreichend zur Beschreibung der biologischen Realität (beispielsweise ist das Wachstum eines Blattes bis zu einer ganz bestimmten Größe nicht rein differentiell erklärbar, wie etwa das Wachstum eines Kristalls), jedoch stellt er 'common descent', eine Entwicklung der höheren Lebewesen aus niederen, nicht in Frage.
(Interessant ist allerdings, wie zeitlos folgender Satz wirkt: „Auf das Problem der Entstehung der ersten Zellen – etwa aus nicht-lebender Materie? - wollen wir gar nicht eingehen. Hierüber ist absolut nichts bekannt, und nicht einmal eine brauchbare Hypothese existiert.“)
Heitler vertritt eine Position, die heutzutage prinzipiell der von Michael Behe oder Mike Gene entspricht – und eindeutig als ID-Standpunkt gewertet werden kann! (Womit Heitler nicht posthum zum ID-Vorreiter erklärt werden soll. Die genauen Standpunkte verstorbener Personen sind eine heikle Angelegenheit, und man sollte wohl vorsichtig damit sein, sie für eigene Zwecke zu vereinnahmen.)
[...] Die außerordentliche Komplexität im Körperbau eines höheren Tieres schließt eine zufällige Entwicklung absolut aus. [...] Wenn aber in der Evolution kein Zufall herrscht, dann muß eben eine Art von Plan bestanden haben oder bestehen. In noch stärkeren Maße als die Morphologie zwingt uns die Evolution, teleologische Betrachtungen mit heranzuziehen. [...]
(Hervorhebungen im Original)
Heitler plädiert für ein Auseinanderhalten der „rein teleologischen Tatbestände und Gesetzmäßigkeiten“ und der „daran anschließenden mehr metaphysischen Rückschlüsse“ und zeigt das anhand des Beispiels der Archäologie: „Der Archäologe [...] fragt zuerst nach dem Zweck eines, vielleicht im Grundriß vorliegenden Bauwerks, eines Kanalstückes usw. [...] Dann kann er die zweite, weitere Frage nach dem Architekten stellen. Er kann Rückschlüsse auf seine technischen Fähigkeiten, seine geometrischen Kenntnisse, seinen künstlerischen Geschmack ziehen. [...]
Beide Probleme sind in der Biologie ungleich schwieriger. Man wird nicht von vornherein annehmen können, daß „Zweckmäßigkeit“ im selben Sinn zweckmäßig ist, wie es eine Maschine für uns ist; und erst recht nicht, daß der „Architekt“ der Lebewesen menschenähnliche Fähigkeiten hatte. Das alles muß ja gerade das Ziel unvoreingenommener Forschung sein.“
(Hervorhebung nicht im Original)
Heitler plädiert hier bereits 1962 für eine unvoreingenommene Forschung, die teleologische Schlußfolgerungen nicht a priori ausschließt.
„Es ist nicht einzusehen, weshalb eine derartig orientierte Forschung nicht genau so „wissenschaftlich“, wie die Verfolgung von Kausalgesetzen sein und mit der letzteren auf derselben Ebene stehen sollte. In beiden Fällen beschränkt man sich auf die Feststellung der Gegebenheiten, der planmäßigen oder der kausalen.“
Gegen den Einwand der metaphysischen Implikationen einer teleologisch orientierten Forschung führt Heitler an, dass auch die Kausalgesetze metaphysische Implikationen haben ('warum ist die Welt so, dass wir sie erforschen und verstehen können'): „Der Wissenschaftler wird die metaphysischen Fragen zunächst genauso ignorieren und ignorieren können, wie er das bisher bei den Kausalgesetzen, und mit Erfolg, getan hat. Wir können also keinerlei Einwand gegen eine teleologisch orientierte Wissenschaft erkennen.“ (Hervorhebung nicht im Original)
Heitler bespricht schließlich noch eine These von Niels Bohr, der das aus der Quantenmechanik bekannte Prinzip der Komplementarität auch in der Biologie vermutete. Das heißt, dass man nicht gleichzeitig eine genaue Kenntnis der materiellen Vorgänge und der Lebensvorgänge erlangen könne, beispielsweise indem man Lebensvorgänge auf molekularer Ebene nicht beobachten kann, ohne sie zu unterbrechen, sprich abzutöten. Bohrs Vermutung wurde von der Wissenschaftsgeschichte jedoch bekanntermaßen nicht bestätigt.
Bleibt noch anzumerken, dass Heitler offenbar kein Christ ist, und auch allgemein zur Religion ein eher distanziertes Verhältnis zu haben scheint. Aus dieser Richtung kommt seine Motivation also nicht.
Er resümiert:
„Insbesondere sehen wir, daß wenig Berechtigung bleibt, in der Welt einen kausal ablaufenden Mechanismus zu sehen. Der Glaube an ein mechanistisches Universum ist ein moderner Aberglaube. [...] Der Hexenaberglaube hat zahlreiche unschuldige Frauen das Leben gekostet, auf grausamste Weise. Der mechanistische Aberglaube ist gefährlicher. Er führt in eine allgemeine geistige und moralische Verödung, und dieser kann leicht die physische Vernichtung folgen. [...]
In diesem Punkt hat sich in den über vierzig Jahren nach Heitlers Buch erschreckend wenig verändert. Erschreckend - und traurig - vor allem, wenn man Heitlers Zielsetzung betrachtet, eine „Tür aufzustoßen“ für teleologische Ansätze in der Forschung.Es wird meist behauptet, die Wissenschaft, die Suchen nach Wahrheit ist, sei weder moralisch noch unmoralisch, nur derjenige, der ihre Anwendungen in die Tat umsetzt, sei vor ethische Entscheidungen gesetzt. In Anbetracht unserer Ergebnisse können wir dieser Ansicht nur mit einem Vorbehalt zustimmen. Suchen nach Wahrheit kann gewiss nicht unmoralisch sein. Wir haben aber gesehen, daß die gegenwärtige Forschung vorwiegend in bestimmte, eng begrenzte Kanäle geleitet wird, und zwar in Kanäle, die sich immer mehr vom Menschlichen entfernen. Und dann tritt diese Wisssenschaft mit einem Totalitätsanspruch auf, sie will die einzige und ganze Wahrheit sein. Eine Teilwahrheit, die alles sein will, kann aber sehr wohl unmoralisch sein.
Liegt hierin vielleicht der Grund für die in der Einleitung genannte „Dämonie der Wissenschaft“? Jedenfalls enthält dieser Totalitätsanspruch die Gefahr, jede Ehrfurcht vor dem Leben zu zerstören.“
Paradoxerweise wird heute ein Totalitätsanspruch der Wissenschaft oft gerade mit dem Verweis auf eine „Dämonie“ von teleologischen Ansätzen vertreten, wenn man sich beispielsweise die Schriften von Dawkins und Co. oder Pamphlete wie die Europarat-Resolution aus dem letzten Jahr ansieht. Die darin proklamierte Gefahr für Gesellschaft und Menschenrechte, die angeblich von einer teleologisch ausgerichteten Forschung ausgehen soll, ist diametral entgegengesetzt zu der Gefahr, die nach Meinung von Heitler von einer totalitär-kausal(istisch)en Forschung ausgeht. (Allerdings mit dem Unterschied, dass letztere nachvollziehbar und fundiert begründet wird.)
Nichtsdestotrotz ist es sehr interessant zu sehen, dass ID-Standpunkte auch vor der Entstehung des US-amerikanischen “ID-Movements“ - und in der post-darwinschen Ära - und auch von nichtreligiösen, renommierten Wissenschaftlern wie Walter Heitler vertreten wurde.____________________________________
WALTER HEITLER Der Mensch und die naturwissenschaftliche Erkenntnis (Vieweg Friedr. & Sohn Ver, 1961, 1962, 1964, 1966, 1984)
Dienstag, 26. Februar 2008
Physiozentrischer Masochismus
Der Journalist und Autor Alan Weisman ist der düsteren Vision einer von heute auf morgen menschenleeren Erde in seinem Buch Die Welt ohne uns. Reise über eine unbevölkerte Erde sachlich-nüchtern nachgegangen. (übrigens weit oben auf meiner To-read-Liste und mit etwas Muße hier irgendwann rezensiert ;) Im November letzten Jahres erschien dazu ein Artikel in "Spektrum der Wissenschaft".
Man sollte meinen, dass die Vorstellung einer menschenleeren Erde Wasser auf den Mühlen und Öl in den Kehlen derjenigen ist, die eine auch nur ansatzweise anthropozentrische Weltsicht geißeln, wo sie nur können, nach dem Motto: 'Wir sind nur die Pest auf einem ansonsten wunderschönen Planeten, wir sind nichts besonderes (aber immer noch so besonders, um eine offensichtliche Verantwortung für alle anderen Lebewesen zu haben) nur das Abfallprodukt eines Zufallsprozesses, wir sind nicht so intelligent, wie wir meinen (aber immer noch so intelligent, um uns dessen bewusst zu werden), etc. pp.'
Aber weit gefehlt! Ein Leserbrief zum Spektrum-Artikel entlarvt, dass selbst die wohltuende Vorstellung einer menschenentleerten Erde heuchlerisch anthropozentrisch ist! Denn um sich eine menschenleere Erde vorzustellen, bedarf es - Sie ahnen die Anmaßung: Menschen!
Ich denke, dass sein Gedanke, "die Umweltprobleme durch seine Betrachtungsweise in neuem Licht zu sehen" nicht erreicht wird, weil er den Verursacher zu sehr in eine Zuschauerrolle setzt.
Wir sind der singende, tanzende, egozentrische Abschaum des Universums, schon allein aus dem Grund, weil wir zu dieser Erkenntnis uns selbst brauchen...
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Zu der Meinung des Leserbrief-Verfassers, "Für wen soll es denn ein schmerzlicher Verlust sein? - für alle "Kreaturen" auf unserem Planeten, bestimmt nicht": Meine Katze vermisst mich schon, wenn ich mal ein paar Stunden weg bin und sitzt dann am Fenster. Ich denke schon, dass sie mich auch vermissen würde, wenn ich plötzlich gänzlich von diesem Planeten verschwinden würde. Und das nicht nur, weil ich ihr was zu futtern gebe.
Es ist überhaupt interessant, dass die Natur immer als fragiles, interagierendes System dargestellt wird, in dem jede Art ihren Sinn und Platz hat, nur der Mensch nicht. Hat der Mensch also doch eine Sonderrolle? Warum sollte unser Morden, Foltern, etc. kein Teil der Natur sein? Oder andersherum formuliert: Muss sich eine Spezies, die durch ihre Intelligenz an der Spitze der Nahrungskette steht, nicht selbst dezimieren, weil es ja sonst niemand tut?
Samstag, 15. Dezember 2007
Sexuelle Belästigung zum Wohle der Frau?
Das Thema 'Abbruch eines beginnenden Lebens' scheint nicht weniger emotional umstritten zu sein als Themen wie 'Beginn und Ursache des Lebens überhaupt'. Über thematische Gemeinsamkeiten und Unterschiede mag man sich streiten; warum ich noch einmal etwas dazu schreibe, ist ein Vorfall vor einer Abtreibungsklinik in Wien, beziehungsweise die entsprechende Berichterstattung darüber.
Auf der katholischen Video-Plattform gloria.tv wurden mehrere Clips (sie auch hier) veröffentlicht, die zeigen, wie Lebensschützer von engagierten Schauspielern auf zum Teil makabere Weise bedrängt werden. Einige dieser Aktivitäten kann man wohl ohne weiteres als sexuelle Belästigung sehen. Interessant ist das daraufhin in Gang gesetzte mediale Echo.
Einige Meldungen zu dem Vorfall erwähnen, dass gloria.tv in Moldawien betrieben werde, "außerhalb der EU mit ihren Persönlichkeitssschutzregeln". Das tut natürlich schon einmal sehr viel zur Sache. Der Betreiber der entsprechenden Klinik gibt zwar laut Standard zu, aus "Gründen der Gegenwehr" "immer wieder Schauspieler engagiert" zu haben, "um die Abtreibungsgegner von ihrem Tun abzuhalten." Das Video sei jedoch "offensichtlich manipuliert" (!) und stelle "einen verzweifelten Versuch religiöser Fanatiker dar, die Tatsachen auf den Kopf zu stellen". Sechs Tage später liest man: "Die Bilder, die auf der Internetseite gloria.tv veröffentlicht wurden und zeigen, wie die HLI-Demonstranten körperlich belästigt wurden, seien „bedauerliche Ausnahmen“." Ah ja...
Die ORF-Sendung "Thema" widmete sich dem Vorfall dann am 10. Dezember ebenfalls. In das Interviews eines Lebensschutz-Vertreters wird kurz und suggestiv die Großaufnahme eines Nagels in den Füßen einer Jesus-Figur geschnitten. Eine Französin, in deren Heimat "Der Versuch, eine Frau von einem Schwangerschaftsabbruch abzubringen, [...] mit bis zu 30.000 Euro Geldstrafe oder bis zu zwei Jahren Haft geahndet" (wienweb) wird, steht kopfschüttelnd vor Fotos von Embryos. Der Subtext dieser Berichterstattung ist mehr als klar: Selbst wenn die veröffentlichten Aufnahmen echt sein sollten (was grundsätzlich bezweifelt wird, Moldawien und so) ... selbst schuld! Wer versucht, Frauen von ihrem Recht auf Schwangerschaftsabbruch abzubringen, dem geschieht sexuelle Nötigung ganz recht. Die engagierten Schauspieler sind zwar nicht ganz billig, aber für den Klinikbetreiber fest steht: "Mit jedem Schwangerschaftsabbruch rette ich das Leben einer Frau."
Man kann sich fragen, was in einer Gesellschaft schief läuft, die glaubt, Frauen das Leben zu retten, indem sie deren Schwangerschaft beendet. (Das Wort Abtreibung wird hier meist bewusst vermieden, Schwangerschaft klingt eher wie ein körperlicher Zustand, den man abstellen kann) Ob man den Aktionen der Lebensschützer positiv gegenüber eingestellt ist oder nicht, erschreckend ist hier der Gleichklang der Medien. Niemand hinterfragt ernsthaft, ob Frauen wirklich umfassend über das Thema aufgeklärt und beraten wurden, was allein schon bei der großen Zahl von Teenagerschwangerschaften eine interessante Frage wäre. Und niemand scheint genau wissen zu wollen, ob ein Gynäkologe Schauspieler engagiert, um Frauen und Männer sexuell zu nötigen. Die wenigsten Seiten verlinken überhaupt zu dem entsprechenden Filmmaterial. Ähnlich wie bei ID (da zum Glück noch nicht in dieser Form) scheint bei vielen Toleranz und Mitgefühl dort zu enden, wo andere "religiös motiviert" sind.
Sonntag, 2. Dezember 2007
Kleine Rätselfrage:
Was verschwindet, wenn man es (evolutionär) erklärt?
Wer noch etwas darüber nachdenken möchte, sollte ab hier erstmal nicht weiterlesen. ;)
Die Antwort ist: Altruismus. Selbstloser Einsatz für andere, sogar völlig fremde, auch unter Gefahr für das eigene Leben. Ein Wort, das das sehr treffend bezeichnet, ist das griechische Wort Agape, das in den christlichen Schriften der Bibel vorkommt und als uneigennützige, schenkende Liebe übersetzt werden kann.
Schon Darwin hatte seine Probleme mit dem Altruismus. Seiner Vorstellung nach erklärt er sich im Tierreich vor allem durch Blutsverwandtschaft. Arbeitsbienen zum Beispiel, die sich für ihren Bienenstock opfern, schützen ihre Blutsverwandten und verhelfen damit indirekt Kopien der eigenen Gene zur Fortpflanzung. William D. Hamilton, den viele als Darwin des 20. Jahrhunderts bezeichnen, widmete sich dem Problem Altruismus und berechnete mit Formeln dessen Wahrscheinlichkeit und Nützlichkeit.
Altruismus unter Tieren mag in dem Sinne vielleicht noch erklärbar sein, der Wert menschlichen Altruismus' definiert sich jedoch gerade über Begriffe wie Freiwilligkeit. Hätte man einen Film über Oskar Schindler gedreht, wenn er nur aufgrund eines biologischen Imperativs so gehandelt hätte, wie er gehandelt hat, der sich für irgendwelche Gene als nützlich erwiesen hat? Bedingungslose, uneigennützige Liebe wäre eben nicht mehr bedingslos und uneigennützig, wenn sie irgendwo versteckt doch an irgendwelche Bedingungen und einen, wenn auch indirekten Eigennutz geknüpft wäre. Ein Erklären im Sinne darwinscher Modelle kommt hier einem Wegerklären, einem Zerstören gleich.
Aus rein wissenschaftlicher Sicht mögen solche ethischen Erwägungen irrelevant sein, trotzdem ergibt sich bei dieser Betrachtung letztlich das Bild einer Theorie, die ein Problem mit Selbstlosigkeit und Güte hat und sie aus ihrem Weltbild entfernen möchte. Und die jedem, der glaubt, selbstlos zu handeln, potentiell
unterstellt, letztendlich doch nur eigennützig zu sein. Das ist einer dieser Gründe, warum ich Wissenschaftler nicht verstehe, die nicht das geringste Problem zwischen Evolutionstheorie und christlichem Glauben sehen.*
** Francis Collins hält zwar beispielsweise Altruismus nicht für darwinistisch erklärbar, was aber letztlich auch daraus hinaufläuft, dass man der Darwinschen Theorie die Erklärungsmacht abspricht, die sie für sich einfordert. Bis zu welchem Grad man das macht, wenn man es eh schon macht, scheint wohl eine Frage der persönlichen Konsequenz zu sein.
Dienstag, 18. September 2007
Der Wert eines zufälligen Lebens
Fritz Poppenberg, der Berliner Filmemacher, der sich mit evolutionskritischen Filmen wie „Gott würfelt nicht“ angeblich eine goldene Nase verdient, widmet sich in seinem neusten Film dem Thema Abtreibung.* In „Maria und ihre Kinder“ geht es um eine sogenannte Gehsteigberaterin, die versucht, Frauen vom Gang in die Abtreibungsklinik abzuhalten und auf diese Weise schon mehrere hundert Kinder vor dem Tod bewahren konnte.
Die legale Tötung der eigenen Leibesfrucht ist eines der „Menschenrechte“, die – wie Vertreter eines evolutionären Humanismus gern betonen – gegen den Widerstand der Kirchen erkämpft wurde. Oft mit Ausnahmesituationen wie Lebensgefahr für die Mutter oder Vergewaltigung begründet, sterben in der Praxis ungezählte Kinder aus rein wirtschaftlichen Erwägungen. Heute geht die Kritik an der alltäglichen Abtreibungspraktik vor allen von katholischen Kreisen aus. In der Kontroverse um Abtreibung spiegeln sich Ansichten über Leben an sich wider – wann beginnt Leben, ab wann hat es einen Wert, hat es überhaupt einen grundsätzlichen, einfach gegebenen Wert, der sich nicht gegen andere Leben aufrechnen lässt, etc.
Die Fronten erscheinen so, dass Kritik an Abtreibung vor allen von Gläubigen ausgeht, während „aufgeklärte“ Geister sie als Frauenrecht oder zumindest notwendiges Übel sehen.
Doch – dumm gefragt – muss man wirklich ein gläubiger Mensch oder gar Christ sein, um die staatlich subventionierte und massenhaft betriebene Entsorgung von „Schwangerschaftsgewebe“ abzulehnen? Als jemand, der selbst eine zeitlang Agnostiker war, bezweifle ich das.
Eine Ablehnung von Abtreibungen lässt sich auch ohne religiösen Bezugnahmen begründen. Richard Dawkins, einer der Wortführer der 'neuen Atheisten', sagt in der von ihm produzierten, zweiteiligen Dokumentation „The Root of all Evil?“ gegen Ende:
„We are going to die, and that makes us the lucky ones. Most people are never going to die, because they are never going to be born. The number of people who could be here in my place outnumbers the sand grains of Sahara. If you think about all the different ways our genes could be permuted, you and I are quite grotesquely lucky to be here: the number of events that had to happen in order for you to exist, in order for me to exist. We are privileged to be alive and we should make the most of our time on this world.“**
Praktisch also ein Plädoyer für das Leben, und eine Begründung seines Wertes aus der absolut einmaligen und unwiederholbaren Verkettung der Umstände seiner Entstehung. Die zahllosen „ways our genes could be permuted“ sind aber mit dem Vorgang der Befruchtung der Eizelle besiegelt; ab diesen Moment hat das neubegonnene Leben seinen einmaligen Wert, ist „privileged to be alive“.
Es könnten also rein theoretisch genauso gut Atheisten vom Schlage eines Richard Dawkins sein, die sich aus reinem Idealismus Tag für Tag vor Abtreibungskliniken stellen und Müttern und Vätern die Hilfe anbieten, die sie benötigen, um ihren Kindern das Privileg des Lebens zu gönnen.*** Sind es aber nicht. Welche Hoffnung besteht eigentlich angesichts dessen, dass ein „evolutionärer Humanismus“ sich nicht nur an den pragmatischen Bedürfnissen einer meinungsfähigen Mehrheit orientiert?
Uraufführung von „Maria und ihre Kinder“ am 22. September um 19 Uhr in der Urania Berlin. Näheres unter www.dreilindenfilm.de . (Trailer zum Film auf TooCrazyFilms)
* Vermutlich wurden Poppenberg die enormen Einnahmen aus seinen evolutionskritischen Filmen mittlerweile schon selbst unheimlich, dass er sich jetzt einem anderen Thema zuwendet. Oder die Geldspeicher sind so voll, dass kein Kopfsprung in die Münzen mehr möglich ist. (Im Ernst: Wäre Kreationismus ein so florierendes Business wie Abtreibung, könnten sich Kutschera und Co. warm anziehen.)
** "The Root of all Evil? - Teil 1" auf Google Video
"The Root of all Evil? - Teil 2" auf Google Video
*** Praktisch alle Frauen, die sich durch eine derartige Gehsteigberatung für ihr Kind entschieden haben, sind dankbar und glücklich über diese Entscheidung. Das wirft ein interessantes Licht auf den so oft beschworenen Rechtekonflikt Frau versus Kind.
Sonntag, 4. März 2007
ID und Kunst
Was auf dem ersten Blick vielleicht ein bisschen nach „Was die anderen können, können wir auch“ aussieht, macht auf den zweiten sehr viel Sinn. Denn eine ausschließlich naturalistische Sichtweise, wie sie innerhalb des Evolutions-Paradigmas stattfindet, reduziert Kunst und Kunstwerke in letzter Konsequenz auf reine Naturprodukte; stellt sie also letztlich auf eine Stufe mit Walgesängen oder Bienenwaben. Damit soll letztgenannten Dingen nicht jeglicher künstlerischer Wert abgesprochen werden. Wenn jedoch Kunst wie auch jede andere menschliche Tätigkeit auf Eigenschaften reduziert wird, die ein Individuum im Gegensatz zu Artgenossen eher überleben lassen - letztlich also der Fortpflanzung dienen, auf diverse Eigenschaften und Reaktionen von Molekülen beziehungsweise auf die Gesetzen der Chemie und Physik unterworfenen Prozesse eines Neuronennetzwerkes, dann haben Begriffe wie Kreativität oder künstlerische Freiheit irgendwann nur noch den Stellenwert von nützlichen Illusionen. Ein Trend, der sich in der Neuropsychologie auch zunehmend abzeichnet.
Diese Betrachtungsweise muss sich nicht direkt auf das menschliche Handeln und somit auf künstlerische Tätigkeit auswirken (Zum Glück, möchte man sagen). Eine völlige Negation des freien Willens ist im Alltag letztendlich nicht auslebbar. Damit kann ein Künstler wohl auch gleichzeitig kreativ tätig sein und seine Tätigkeit auf einer Meta-Ebene als reines Produkt nicht willentlich gesteuerter Vorgänge sehen. Wie befriedigend das ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Als selbst kreativ tätiger Mensch sehe ich jedoch innerhalb eines von Intelligent Design ausgehenden Paradigmas ein Verständnis von Kunst, das dem Empfinden derer entspricht, die sie betreiben, überhaupt erst als gegeben.
Der Schauspieler und Regisseur Klaus Maria Brandauer hat diesen Konflikt in einem Interview meines Erachtens sehr schön geschildert, auf die Frage, ob es Gott gäbe:
„Ich denke, dass es diesen übergeordneten Geist gibt. Den lieben Gott, Das glaube ich hundertprozentig. Manchmal wache ich nachts auf, schweißgebadet, und denke: Nein, unmöglich. Das ist doch alles lächerlich, es gibt doch Millionen Gegenbeweise. Und manchmal wache ich nachts auf und denke mir: Es gibt ihn doch. Ich hätte auch nicht gern, dass wir nur Materie sind. Das widerspricht meinem Künstlertum.“
(Reader´s Digest Deutschland, November 2006)