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Montag, 14. Februar 2011

Filmtip

Leicht verspätet wünsche ich allen Lesern noch ein schönes und gesundes Jahr 2011. Hab momentan leider mal wieder etwas weniger Zeit für diese Seite...

Deshalb auch erst jetzt ein Beitrag zu einem sehr interessanten Dokumentarfilm, der am Donnerstag im MDR lief: Menschenlabor Sowjetunion. (Aber zum Glück gibt es ja youtube) Der Film thematisiert die perversen Experimente, die in der Sowjetunion der 20er und 30er Jahre durchgeführt wurden. Auszug:
Die Ideologen der kommunistischen Utopie glaubten, dass die Menschen der alten, kapitalistischen Weltordnung dafür nicht geeignet wären. Es musste also ein neuer Erdenbürger geschaffen und der Mensch selbst zum Objekt revolutionärer Veränderungen werden. So wurde die Züchtung eines "Neuen Menschen" zum Ziel gewagter Experimente, die in der Sowjetunion in den 20er-Jahren durchgeführt wurden. Biologie, Technik und Naturwissenschaften erschienen den Bolschewiken dabei als die Lösung aller Probleme, die im Land herrschten. Einige Wissenschaftler glaubten durch gegenseitigen Blutaustausch zwischen Jung und Alt eine perfekte Gesellschaft mit makellosen Menschen zu schaffen. Andere versuchten den Menschen mit Affen zu kreuzen, um einen menschenähnlichen Hybriden zu erzeugen.
Die Kreuzungsversuche von Menschen mit Affen waren bereits 2004 Thema des Dokumentarfilms Der Fall des Affenmenschen. Seinerzeit warfen Kritiker dem Film vor, mit dem Ansprechen dieser fragwürdigen Experimente "Propaganda" zu betreiben. Aber auch Menschenlabor Sowjetunion zeigt, dass diese Versuche ihre wissenschaftliche Begründung eindeutig im darwinschen Zeitgeist der damaligen Epoche fanden (Der auch nicht nur in der Sowjetunion, sondern global vorherrschte. Was sprach aus damaliger evolutionärer Sicht schon dagegen, dass sich Menschen und Primaten kreuzen ließen?). Und sie waren auch kein verirrter Einzelfall, sondern Programm. Die Skrupellosigkeit, mit der man neue Menschen hervorbringen wollte, unterscheidet sich kaum von der im Nationalsozialismus. (Das Wörtchen Sozialismus in Nationalsozialismus ist insofern sicherlich auch kein Zufall)

Dienstag, 24. November 2009

Heute vor 150 Jahren...

... erschien Darwins On the Origin of Species in den Buchhandlungen Großbritanniens, in einer Auflage von 1250 Exemplaren. 15 Schilling kostete es damals, bis zu 35.000 Pfund ist so eine Erstausgabe heute wert.

missinglinks.info erinnert an dieses Datum mit einem nicht ganz ernst gemeinten Bild:


Dienstag, 16. September 2008

Asche aufs Haupt

Die Church of England bittet Charles Darwin - 126 Jahre nach seinem Tod - um Entschuldigung. Für was eigentlich? Rev. Dr. Malcolm Brown schreibt unter der Überschrift "Good religion needs good science": "When a big new idea emerges which changes the way people look at the world, it’s easy to feel that every old idea, every certainty, is under attack and then to do battle against the new insights. The church made that mistake with Galileo’s astronomy, and has since realised its error. Some church people did it again in the 1860s with Charles Darwin’s theory of natural selection."

Browns Text folgt den üblichen Argumentationsschemen; Dinge, die schon anderswo hunderte Male gesagt wurden. Es gäbe keinen Konflikt zwischen Darwins Selektionstheorie und dem Christlichen Glauben*, die aktive Anwendung der Selektionstheorie auf Menschen war ein schlimmes Misverständnis**, etc. pp. Sogar zwei Bibelstellen führt Brown an: Jesu Aufforderung an seine Jünger, die Vögel und die Lilien auf dem Feld zu betrachten, sowie Johannes 16 Vers 12 und 13: "Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten." Darwin als geleitet vom Geiste der Wahrheit, der publik machte, was Jesus noch nicht zu sagen wagte - wenn das keine frohe Botschaft ist...

Hintergrund dieses Mea Culpa ist unter unterem die berühmte Auseinandersetzung zwischen Bischof Wilberforce und Thomas Henry Huxley im Jahre 1860. Die FAZ bemerkt dazu: "Die Geschichte ist bekannt: Eintausend Zuhörer hatten sich in dem Hörsaal des Naturgeschichtlichen Museums in Oxford eingefunden und lauschten nun der legendären Frage des Bischofs, ob Thomas Henry Huxley, der als Verteidiger der Evolutionstheorie in den Ring gestiegen war, über seine Großmutter oder den Großvater mit dem Affen verwandt sei. Die nicht weniger legendäre Antwort von Huxley lautete, dass er lieber einen Affen zum Großvater hätte als einen Mann, der seine Bildung und seinen Einfluss dafür einsetze, eine wissenschaftliche Diskussion ins Lächerliche zu ziehen. Kurzum: Huxley wollte lieber vom Affen als vom Pfaffen abstammen."

Heutzutage erscheint die ironische Frage des Bischofs jedoch geradezu artig im Vergleich zu dem zynischen Ton, der gegenüber Vertretern des Kreationismus oft angeschlagen wird. Wilberforce rezensierte Darwins Werk im übrigen einen Monat nach dem Zusammentreffen mit Huxley und attestierte Darwin eine "außergewöhnliche Klugheit". Und warum entschuldigt man sich eigentlich nicht auch gleich posthum bei Huxley? Im Entschuldigen scheint die CofE zumindest Übung zu haben. Die britische Ministerin Ann Widdecombe kommentiert: "It’s absolutely ludicrous. Why don’t we have the Italians apologising for Pontius Pilate? We’ve already apologised for slavery and for the Crusades. When is it all going to stop? It’s insane and makes the Church of England look ridiculous". Auch sonst scheint die Entschuldigung eher Kopfschütteln auszulösen.

Der Vatikan merkt an, dass man sich im Gegensatz zur anglikanischen Kirche nicht zu entschuldigen brauche. Darwin wurde nie verurteilt, Papst Pius XII. und zuletzt auch Johannes Paul II. hätten die Stichhaltigkeit vieler Punkte der Evolutionstheorie ausdrücklich bestätigt.

Einer Kanonisierung Darwins scheint eigentlich nichts mehr im Wege zu stehen. Zumindest wäre das wohl die PR-Aktion in seinem 150. Ehrenjahr.
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*Meine Meinung dazu habe ich zum Teil hier wiedergegeben.

** Man könnte sich fragen, warum Darwins Selektionstheorie eigentlich nicht auf Politik und Soziologie angewendet werden sollte , wenn andererseits nichts in den Geisteswissenschaften Sinn ergibt, außer im Lichte der Biologie

Montag, 14. Juli 2008

"Die Wissenschaft ist ein hartes Business"

Wer sich auch nur ansatzweise für die ID/Evolutionsthematik interessiert, wird es wohl längst mitbekommen haben: Ulrich Kutscheras kontroverse Attacke der Geisteswissenschaften (im Original hier zu lesen), den auch die Süddeutsche in einem lesenswerten Artikel kommentiert hat.

Als ID-Befürworter muss man das also nicht mehr kommentieren. Selbst den Semi-Geisteswissenschaftler in mir drängt es nicht zu einer Stellungnahme. (Einerseits hat man als Filmwissenschaftsstudent nicht unbedingt das Gefühl, etwas wirklich wichtiges und fundamentales zum Geschick der Menschheit beizutragen, und wenn man nicht extrem faul ist, ist es auch praktisch unmöglich, schlechte Zensuren zu bekommen. Andererseits sind 'film studies' auch nicht gerade repräsentativ für die Geisteswissenschaften.) Interessant fand ich in dem Zusammenhang nur einen Beitrag der NZZ online über Alfred Russell Wallace, in dem Kutschera zu Wort kommt.

Kutschera setzt sich für die Rehabilitation des heute eher unbekannten Mitentdecker der Evolutionstheorie ein. Als einen der Gründe für die mangelnde Anerkennung führt er Wallace´ späte Spiritualität an, aus der er öffentlich keinen Hehl machte. Weltanschaulich ging Wallace praktisch den entgegengesetzten Weg von Darwin - vom Materialisten zum religiösen Spiritualisten. "Die Wissenschaft ist ein hartes Business", meint Kutschera. "Wenn Sie da mit Spiritismus kommen, ist es mit Ihrer Anerkennung vorbei." Da fragt man sich: Ist die Wissenschaft ein "hartes Business", weil sie so eine Eigendynamik entwickelt hat, oder ist sie es, weil Menschen wie Kutschera sie zu so einem "harten Business" machen? In dem sie zum Beispiel ganze Forschungsbereiche diffamieren? Oder Wissenschaftlern aufgrund ihrer Ansichten die Wissenschaftlichkeit absprechen?

Aber darin liegt wohl nicht nur Ironie, sondern auch ein gewisser Trost: Nach eineinhalb Jahrhunderten ist man schon mal bereit, abgefallenen Materialisten zu vergeben.

Mittwoch, 27. Februar 2008

Teleologisches Denken - Gefahr oder Gewinn?

Vor einiger Zeit fiel mir ein sehr interessantes Büchlein in die Hände – „Der Mensch und die naturwissenschaftliche Erkenntnis“ von Walter Heitler aus dem Jahre 1962. Heitler (1904 bis 1981) war ein deutscher Physiker und unter anderem zusammen mit Hans Bethe an der Entwicklung der Theorie der Bremsung von Elektronen (Bethe-Heitler-Formel) durch Materie beteiligt. Das Anliegen seines Buches lässt sich eigentlich mit einer im Vorwort zur ersten Auflage formulierten Frage beschreiben: Wie können wir verhindern, dass diese materialistische Wissenschaft, die wir ja auch so dringend brauchen, gleichzeitig unser geistiges Leben vernichtet?

Oder etwas ausführlicher formuliert auf Seite 2:
Mit Hilfe der Wissenschaft ist es so viel leichter, Leben zu schädigen und zu zerstören, als Leben zu schaffen, daß – so scheint es – etwas von dieser Tendenz in der heutigen Wissenschaft selbst enthalten sein muß. Die Technik entspringt eindeutig aus der Wissenschaft. Konsequenterweise sollten wir also nicht nur von einer Dämonie der Technik, sondern auch von einer Dämonie der Wissenschaft schreiben. Worin liegt diese Dämonie?"

Im Kontext der Zeit, in dem das Buch entstand, erscheint dieses Anliegen mehr als verständlich. Die Folgen der Nutzung atomarer Energie waren sowohl zivil als auch militärisch nicht absehbar und flößten nicht zuletzt aufgrund des Kalten Krieges vielen Menschen Furcht ein. Hiroshima und Nagasaki lagen gerade mal 17 Jahre zurück und die Auswirkungen waren noch umstritten. (Heitler erwähnt Berichte, nach denen die Folgen von Mutationen für Nachkommen von, der Strahlung ausgesetzten Eltern zwischen 15 % und 0 % (!) schwanken) Kernkraftwerke wurden gebaut („Aus Furcht, unsere Energiequellen würden [...] bald versiegen, fangen wir an, Kernkraftwerke zu bauen, obwohl bis jetzt niemand weiß, wie man den radioaktiven Abfall beseitigen kann), vor allem aber strebte die atomare Aufrüstung im Zuge des Kalten Krieges einer scheinbar schwer aufzuhaltenden Konfrontation entgegen, die 1962 mit der Kuba-Krise auch nur um Haaresbreite vermieden wurde.

Angesichts dieses allgegenwärtigen Gespenstes eines nuklearen Holocausts war die Frage nach einer der Technik respektive Wissenschaft selbst innewohnenden Dämonie sehr verständlich. Immerhin waren es Amerikaner – und nicht Nazis oder Sowjets – die Atombomben über bewohntem Gebiet zur Explosion brachten; und es war ein Pazifist wie Einstein – dem sogar Schachspielen aufgrund des kompetitiven Geistes zuwider war – der eine nukleare Aufrüstung ausdrücklich befürwortete. Es gab nur zwei Fronten, und beide schienen zum Einsatz der vernichtenden Technik jederzeit bereit. (Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem 11. September ist es mittlerweile wesentlich leichter, Wissenschaft und Technik von dieser Dämonie freizusprechen und das Augenmerk auf die Ideologien der benutzenden Parteien zu lenken, siehe Dawkins und Co.

Heitler streift bei seinem Versuch einer Antwort in zwei Kapiteln die Geschichte der Wissenschaft, die sich, ausgehend vom menschlichen Geist, der nun mal in Kategorien von Qualität und Teleologie funktioniert, immer mehr zu einer ausschließlich kausalen, differentiellen, quantitativen und deterministischen Sichtweise bekannte. Interessant fand ich dabei vor allem Goethes Widerstand gegen die rein quantitativ ausgerichtete Farbenlehre Newtons. (Die sehr gut in einem Gedicht Goethes zum Ausdruck kommt:

Möget ihr das Licht zerstückeln,
Farb´um Farbe draus entwickeln,
Oder andre Schwänke führen,
Kügelchen polarisieren.
Daß der Hörer ganz erschrocken,
Fühlet Sinn und Sinne stocken.
Nein, es soll euch nicht gelingen.
Sollt uns nicht beiseite bringen;
Kräftig wie wirs angefangen,
Wollen wir zum Ziel gelangen.
)

Goethe versuchte sich an einer Farbenlehre, die davon ausgeht, dass qualitativ empfundene Farben wie Grün oder Rot objektive Größen sind, und nicht nur Interpretationen (sprich Illusionen) des Gehirns eines quantitativ beschreibbaren Licht-Substrats. In dem Zusammenhang merkt Heitler an:

Es wäre z.B. ein Trugschluß, wenn wir sagen würden: „Die Farben existieren nicht, wenn kein Lebewesen da ist, das sie sehen kann, folglich existieren Farben nur in Lebewesen.“ Mit der gleichen Logik könnten wir schließen: „Elektromagnetische Wellen existieren nicht, wenn keine Wesen da sind, die sie messen können.““

Natürlich hat sich eine ausschließlich kausal-differentiell-quantitativ-deterministisch orientierte Wissenschaft letztendlich durchgesetzt, und ihr Erfolg ist das stärkste Argument für sie. Erfolg ist allerdings auch ein relativer Begriff, vor allem wohl in Anbetracht von „Errungenschaften“ wie der Atombombe. Und einhergehend mit Heitlers Betrachtungen zu Goethes Farbenlehre, die auch nach Goethe weiterentwickelt wurde, stellt sich die Frage, inwieweit eine 'andere' Wissenschaft nicht nur möglich, sondern vielleicht auch noch erfolgreicher beziehungsweise erfolgreich in einem anderen Sinn gewesen wäre...

In einer inflationären Ausbreitung und ausschließlichen Anwendung dieser wissenschaftlichen Methode, die konträr zum menschlichen Empfinden ist (Qualität statt Quantität, Teleologie statt Determinismus) auf Gebiete, in die sie nicht angebracht ist, sieht Heitler dementsprechend logischerweise die Gefahr, die von der heutigen Wissenschaft und Technik ausgeht. Bleibt nur die entscheidende Frage: Wo genau ist diese Methode nicht angebracht?

Die kausal-deterministische Methode hat sicher keinen oder nur einen höchst bescheidenen Platz für alles, was Menschen angeht. Es dürfte wohl noch eine Skala von Zwischenstufen geben, wo das Prinzip der Kausalität beschränkte Gültigkeit hat. Vermutlich gehört die Biologie hierzu. Was wir hier also feststellen können, ist, daß eine allgemeine auf das Prinzip des Determinismus gegründete „Weltanschauung“ jeder Grundlage entbehrt. Jede Anwendung auf Menschliches ist nicht nur von Übel, sondern auch gänzlich unberechtigt.

Der Biologie widmet sich Heitler in einem eigenem Kapitel. Grundsätzlich hält er zwar physikalisch-chemische Ursachen allein für nicht ausreichend zur Beschreibung der biologischen Realität (beispielsweise ist das Wachstum eines Blattes bis zu einer ganz bestimmten Größe nicht rein differentiell erklärbar, wie etwa das Wachstum eines Kristalls), jedoch stellt er 'common descent', eine Entwicklung der höheren Lebewesen aus niederen, nicht in Frage.

(Interessant ist allerdings, wie zeitlos folgender Satz wirkt: „Auf das Problem der Entstehung der ersten Zellen – etwa aus nicht-lebender Materie? - wollen wir gar nicht eingehen. Hierüber ist absolut nichts bekannt, und nicht einmal eine brauchbare Hypothese existiert.“)

Heitler vertritt eine Position, die heutzutage prinzipiell der von Michael Behe oder Mike Gene entspricht – und eindeutig als ID-Standpunkt gewertet werden kann! (Womit Heitler nicht posthum zum ID-Vorreiter erklärt werden soll. Die genauen Standpunkte verstorbener Personen sind eine heikle Angelegenheit, und man sollte wohl vorsichtig damit sein, sie für eigene Zwecke zu vereinnahmen.)

[...] Die außerordentliche Komplexität im Körperbau eines höheren Tieres schließt eine zufällige Entwicklung absolut aus. [...] Wenn aber in der Evolution kein Zufall herrscht, dann muß eben eine Art von Plan bestanden haben oder bestehen. In noch stärkeren Maße als die Morphologie zwingt uns die Evolution, teleologische Betrachtungen mit heranzuziehen. [...]
(Hervorhebungen im Original)

Heitler plädiert für ein Auseinanderhalten der „rein teleologischen Tatbestände und Gesetzmäßigkeiten“ und der „daran anschließenden mehr metaphysischen Rückschlüsse“ und zeigt das anhand des Beispiels der Archäologie: „Der Archäologe [...] fragt zuerst nach dem Zweck eines, vielleicht im Grundriß vorliegenden Bauwerks, eines Kanalstückes usw. [...] Dann kann er die zweite, weitere Frage nach dem Architekten stellen. Er kann Rückschlüsse auf seine technischen Fähigkeiten, seine geometrischen Kenntnisse, seinen künstlerischen Geschmack ziehen. [...]

Beide Probleme sind in der Biologie ungleich schwieriger. Man wird nicht von vornherein annehmen können, daß „Zweckmäßigkeit“ im selben Sinn zweckmäßig ist, wie es eine Maschine für uns ist; und erst recht nicht, daß der „Architekt“ der Lebewesen menschenähnliche Fähigkeiten hatte. Das alles muß ja gerade das Ziel unvoreingenommener Forschung sein.
(Hervorhebung nicht im Original)

Heitler plädiert hier bereits 1962 für eine unvoreingenommene Forschung, die teleologische Schlußfolgerungen nicht a priori ausschließt.

Es ist nicht einzusehen, weshalb eine derartig orientierte Forschung nicht genau so „wissenschaftlich“, wie die Verfolgung von Kausalgesetzen sein und mit der letzteren auf derselben Ebene stehen sollte. In beiden Fällen beschränkt man sich auf die Feststellung der Gegebenheiten, der planmäßigen oder der kausalen.“

Gegen den Einwand der metaphysischen Implikationen einer teleologisch orientierten Forschung führt Heitler an, dass auch die Kausalgesetze metaphysische Implikationen haben ('warum ist die Welt so, dass wir sie erforschen und verstehen können'): „Der Wissenschaftler wird die metaphysischen Fragen zunächst genauso ignorieren und ignorieren können, wie er das bisher bei den Kausalgesetzen, und mit Erfolg, getan hat. Wir können also keinerlei Einwand gegen eine teleologisch orientierte Wissenschaft erkennen.“ (Hervorhebung nicht im Original)

Heitler bespricht schließlich noch eine These von Niels Bohr, der das aus der Quantenmechanik bekannte Prinzip der Komplementarität auch in der Biologie vermutete. Das heißt, dass man nicht gleichzeitig eine genaue Kenntnis der materiellen Vorgänge und der Lebensvorgänge erlangen könne, beispielsweise indem man Lebensvorgänge auf molekularer Ebene nicht beobachten kann, ohne sie zu unterbrechen, sprich abzutöten. Bohrs Vermutung wurde von der Wissenschaftsgeschichte jedoch bekanntermaßen nicht bestätigt.

Bleibt noch anzumerken, dass Heitler offenbar kein Christ ist, und auch allgemein zur Religion ein eher distanziertes Verhältnis zu haben scheint. Aus dieser Richtung kommt seine Motivation also nicht.

Er resümiert:

Insbesondere sehen wir, daß wenig Berechtigung bleibt, in der Welt einen kausal ablaufenden Mechanismus zu sehen. Der Glaube an ein mechanistisches Universum ist ein moderner Aberglaube. [...] Der Hexenaberglaube hat zahlreiche unschuldige Frauen das Leben gekostet, auf grausamste Weise. Der mechanistische Aberglaube ist gefährlicher. Er führt in eine allgemeine geistige und moralische Verödung, und dieser kann leicht die physische Vernichtung folgen. [...]

Es wird meist behauptet, die Wissenschaft, die Suchen nach Wahrheit ist, sei weder moralisch noch unmoralisch, nur derjenige, der ihre Anwendungen in die Tat umsetzt, sei vor ethische Entscheidungen gesetzt. In Anbetracht unserer Ergebnisse können wir dieser Ansicht nur mit einem Vorbehalt zustimmen. Suchen nach Wahrheit kann gewiss nicht unmoralisch sein. Wir haben aber gesehen, daß die gegenwärtige Forschung vorwiegend in bestimmte, eng begrenzte Kanäle geleitet wird, und zwar in Kanäle, die sich immer mehr vom Menschlichen entfernen. Und dann tritt diese Wisssenschaft mit einem Totalitätsanspruch auf, sie will die einzige und ganze Wahrheit sein. Eine Teilwahrheit, die alles sein will, kann aber sehr wohl unmoralisch sein.

Liegt hierin vielleicht der Grund für die in der Einleitung genannte „Dämonie der Wissenschaft“? Jedenfalls enthält dieser Totalitätsanspruch die Gefahr, jede Ehrfurcht vor dem Leben zu zerstören.“

In diesem Punkt hat sich in den über vierzig Jahren nach Heitlers Buch erschreckend wenig verändert. Erschreckend - und traurig - vor allem, wenn man Heitlers Zielsetzung betrachtet, eine „Tür aufzustoßen“ für teleologische Ansätze in der Forschung.

Paradoxerweise wird heute ein Totalitätsanspruch der Wissenschaft oft gerade mit dem Verweis auf eine „Dämonie“ von teleologischen Ansätzen vertreten, wenn man sich beispielsweise die Schriften von Dawkins und Co. oder Pamphlete wie die Europarat-Resolution aus dem letzten Jahr ansieht. Die darin proklamierte Gefahr für Gesellschaft und Menschenrechte, die angeblich von einer teleologisch ausgerichteten Forschung ausgehen soll, ist diametral entgegengesetzt zu der Gefahr, die nach Meinung von Heitler von einer totalitär-kausal(istisch)en Forschung ausgeht. (Allerdings mit dem Unterschied, dass letztere nachvollziehbar und fundiert begründet wird.)

Nichtsdestotrotz ist es sehr interessant zu sehen, dass ID-Standpunkte auch vor der Entstehung des US-amerikanischen “ID-Movements“ - und in der post-darwinschen Ära - und auch von nichtreligiösen, renommierten Wissenschaftlern wie Walter Heitler vertreten wurde.

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WALTER HEITLER Der Mensch und die naturwissenschaftliche Erkenntnis (Vieweg Friedr. & Sohn Ver, 1961, 1962, 1964, 1966, 1984)

Dienstag, 24. April 2007

Charles Robert D. - Ein Nachruf


Vor gut 125 Jahren - am 26. April 1882 wurde Charles Robert Darwin in der Londoner Westminster Abbey bestattet. Am 19. April des selben Jahres verstarb Charles Robert Darwin im Londoner Stadtteil Downe im Alter von 73 Jahren. Obwohl sein Beitrag zur westlichen Zivilisation zu diesem Zeitpunkt aus zahlreichen wissenschaftlichen Abhandlungen inclusive berühmter Werke wie "Die Entstehung der Arten" und "Die Abstammung des Menschen" bestand, wird heute der 12. Februar als "Darwin Day" mit Evolutionshymnen und Stammbäumen aus Schokolade gefeiert, der Tag, an dem Darwins Beitrag zur westlichen Zivilisation vor allem aus einem ungehemmten Schreien bestand. Die Herausgabe von "Die Entstehung der Arten" am 24. November 1859 wird als "Evolution Day" begangen. Einige christliche Kirchen feiern den Sonntag, der Darwins Geburtstag am nächsten liegt, als "Evolution Sunday". 2009 wird sowohl das 150. Jubiläum der Veröffentlichung von "Die Entstehung der Arten" gefeiert, als auch der 200. Geburtstag von Charles Robert Darwin.

Am 23. Juni jährt sich zudem der Todestag von Charles Robert Darwins Schildkröte Harriet zum ersten Mal, die 2006 im Alter von 176 Jahren im Australia-Zoo im nordöstlichen australischen Bundesstaat Queensland an Herzversagen verstarb. Falls entsprechende Pläne nicht bereits vorliegen, sei hiermit der 23. Juni als offizieller Harriet-Day vorgeschlagen.

Am 19. April 1882 hörte Charles Robert Darwin also auf zu existieren - Was an dieser Stelle Anlaß zu folgender Frage sein soll: Was wäre, wenn er nie existiert hätte? Darwins Evolutionstheorie beruhte - wie so viele Theorien und Erfindungen - auf zahlreichen, ihm vorangegangenen Arbeiten und Beobachtungen. Bereits sein Großvater, der Naturwissenschaftler, Erfinder und Poet Erasmus Darwin formulierte in seinem Werk Zoonomia die Idee, dass alles Lebendige von einem gemeinsamen Vorfahren abstamme - für ihn mikroskopisch kleine Muscheln - und sich somit ein Stammbaum aller Lebensformen konstruieren lassen müsse. Zeitgleich mit Charles Darwin entwickelte Alfred Russel Wallace die Theorie einer natürlichen Ursache für Evolution durch graduelle Variation und natürliche Selektion.

Die Annahme liegt nahe, dass die Zeit einfach reif war für eine Theorie, wie sie Darwin formulierte. Und vielleicht erntete Darwin allen Ruhm, weil er einen einmaligeren und zur Ikonenbildung geigneteren Namen hatte als Wallace. Alfred Russel Wallace hätte mit Edgar Wallace konkurrieren müssen, und vielleicht hätte man später "Der Frosch mit der Maske" für einen Dokumentarfilm über Mimikry unter Amphibien gehalten -- während der Name Darwin - abgesehen vom heute eher vergessenen Erasmus Darwin - etwas einmaliges hat. Er geht leicht über die Lippen - man denke an Darwin im Kreuzverhör, Darwins Irrtum, Darwins Alptraum, etc. - und enthält zudem das englische Wort 'win'.

Eine eindeutigere Antwort liefern aber vielleicht diejenigen, die heute Darwins Theorie zu widerlegen versuchen. Wissenschaftler, die den Gedanken einer gemeinsamen, rein naturalistisch erklärbaren Abstammung allen Lebens auf der Erde anzweifeln. Die Annahme übernatürlicher Wirkprinzipien - wie sie für Newton, Kepler und Co. noch selbstverständlich war - gilt heute als unwissenschaftlich, als intellektuelle Bankrott-Erklärung.

Was aber resultiert aus dem Ausschluß übernatürlicher Wirkprinzipien im Bereich der Biologie? Was wäre geschehen, wenn man die "Arbeitshypothese Gott" in der Astronomie und der Physik erfolgreich aufgegeben, aber nur in der Biologie keine befriedigende naturalstische Alternative gefunden hätte? Also kein Survival of the fittest, etc? Hätten sich Biologen für intellektuell bankrott erklären lassen? Ich glaube eher, man hätte die "Hypothese Gott" auch in der Biologie aufgegeben, und zwar auch ohne eine befriedigende Alternative. Hätte man sich dann nicht die Lebensformen angesehen und angenommen, dass die komplexeren auf die einfacheren zurückzuführen sein müssten? Und die einfacheren wiederum auf chemische Prozesse unbelebter Materie? Und würde man nicht jede Fähigkeit von Lebewesen zur Veränderung grundsätzlich als Beweis für eine gemeinsame, realgenetische Abstammung sehen, als Mechanismen, die man nur richtig extrapolieren muss? Wäre die Abstammung des Menschen von primatenartigen Säugetieren nicht weniger eine Theorie, sondern vielmehr die einzig logische Konsequenz einer naturalistisch-wissenschaftlich betriebenen Biologie? Und das alles ohne Charles Robert Darwin?