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Montag, 14. Februar 2011

Filmtip

Leicht verspätet wünsche ich allen Lesern noch ein schönes und gesundes Jahr 2011. Hab momentan leider mal wieder etwas weniger Zeit für diese Seite...

Deshalb auch erst jetzt ein Beitrag zu einem sehr interessanten Dokumentarfilm, der am Donnerstag im MDR lief: Menschenlabor Sowjetunion. (Aber zum Glück gibt es ja youtube) Der Film thematisiert die perversen Experimente, die in der Sowjetunion der 20er und 30er Jahre durchgeführt wurden. Auszug:
Die Ideologen der kommunistischen Utopie glaubten, dass die Menschen der alten, kapitalistischen Weltordnung dafür nicht geeignet wären. Es musste also ein neuer Erdenbürger geschaffen und der Mensch selbst zum Objekt revolutionärer Veränderungen werden. So wurde die Züchtung eines "Neuen Menschen" zum Ziel gewagter Experimente, die in der Sowjetunion in den 20er-Jahren durchgeführt wurden. Biologie, Technik und Naturwissenschaften erschienen den Bolschewiken dabei als die Lösung aller Probleme, die im Land herrschten. Einige Wissenschaftler glaubten durch gegenseitigen Blutaustausch zwischen Jung und Alt eine perfekte Gesellschaft mit makellosen Menschen zu schaffen. Andere versuchten den Menschen mit Affen zu kreuzen, um einen menschenähnlichen Hybriden zu erzeugen.
Die Kreuzungsversuche von Menschen mit Affen waren bereits 2004 Thema des Dokumentarfilms Der Fall des Affenmenschen. Seinerzeit warfen Kritiker dem Film vor, mit dem Ansprechen dieser fragwürdigen Experimente "Propaganda" zu betreiben. Aber auch Menschenlabor Sowjetunion zeigt, dass diese Versuche ihre wissenschaftliche Begründung eindeutig im darwinschen Zeitgeist der damaligen Epoche fanden (Der auch nicht nur in der Sowjetunion, sondern global vorherrschte. Was sprach aus damaliger evolutionärer Sicht schon dagegen, dass sich Menschen und Primaten kreuzen ließen?). Und sie waren auch kein verirrter Einzelfall, sondern Programm. Die Skrupellosigkeit, mit der man neue Menschen hervorbringen wollte, unterscheidet sich kaum von der im Nationalsozialismus. (Das Wörtchen Sozialismus in Nationalsozialismus ist insofern sicherlich auch kein Zufall)

Samstag, 12. Juni 2010

"Lebewesen und Design"


Titel: Lebewesen und Design. Eine Einführung.
Autor: Markus Rammerstorfer

Verlag: BoD, Norderstedt
ISBN: 978-3-8391-3243-2
Seiten: 108
Preis: 8,80



Wie angekündigt hier einige Gedanken zum jüngsten Buch von Markus Rammerstorfer. Es stellt laut Einleitung an sich selbst den Anspruch, „wesentliche Inhalte und grundlegende Argumentationen von 'Nur eine Illusion?' (2006) in überarbeiteter, kompakterer und zugänglicherer Form neu zu präsentieren“. Sozusagen für Menschen, die zwar ein grundsätzliches Interesse für die Design- und Teleologie-Thematik aufbringen, jedoch mit einer etwas niedrigeren „Leidensfähigkeit“ in Bezug auf Original-Zitate, „offizielle wissenschaftliche Ausdrucksweisen“, etc. Als langjähriger Interessierter an dieser Thematik kann man wohl nicht wirklich objektiv beurteilen, wie allgemein-verständlich oder populärwissenschaftlich ein Buch ist - immerhin ist man mit den wichtigsten Fachbegriffen, Persönlichkeiten und Argumenten vertraut. Ich denke aber, dass es sich für den interessierten Laien doch sehr gut und mit Gewinn liest, und entscheidende Argumente liefert.

Gravierende Unterschiede gibt es insofern gegenüber „Nur eine Illusion?“ auch nicht. Markus Rammerstorfer versucht auch hier, eine Bresche für das Design-Argument zu schlagen, und dessen Image als längst begrabene Leiche zu revidieren. Die Reanimation wirkt auf jeden Fall überzeugend, wobei man sich jedoch auch fragt, wohin die Reise für den Wiederauferstandenen gehen soll. Zeichnete der Autor in „Nur eine Illusion?“ noch die Vision einer 'Generaltheorie intelligenten Designs', fehlen die Zukunftsaussichten in „Lebewesen und Design“ meiner Meinung nach etwas.

Zunächst werden die Wurzeln der biologischen Ursprungsdebatte beleuchtet, was insofern immer interessant ist, dass sowohl das Design-Argument als auch die Idee, dass Leben durch rein naturgesetzliche Vorgänge irgendwie aus toter Materie entstand, bereits sehr früh ebenso intelligente wie prominente Befürworter fanden. Erste Station ist die Naturtheologie William Paleys sowie Humes allgemeine Kritik derselben, dann folgt Darwin. Darwin soll der Wendepunkt in der Design-Debatte schlechthin sein, und Richard Dawkins und andere können sich nicht vorstellen, Atheist gewesen zu sein, wenn sie vor der Veröffentlichung von Darwins „Origin of Species“ gelebt hätten. (Diese epochale Bedeutung Darwins verwundert vor allem dann, wenn andererseits der Vorwurf erhoben wird, dass Evolutionskritiker zu sehr auf seiner Theorie „herumreiten“ und sich die Evolutionsbiologie seit Darwin doch entscheidend verändert habe.)

Im folgenden widmet sich Rammerstorfer dem Wesen der Zielgerichtetheit in der belebten Welt und arbeitet heraus, dass sie real und ein besonderes Phänomen der Biologie ist. Insofern hat die Biologie eine naturgegebene Sonderstellung, derer sich Biologen wohl auch bewusst sein sollten. (Das scheint jedoch oft nicht der Fall zu sein, wenn man bedenkt, wie oft biologische Vorgänge in polemischer Weise mit Vorgängen wie der Entstehung von Wolken oder Schneeflocken etc. gleichgesetzt werden, um die Teleologie-Diskussion obsolet zu machen.)

Insofern sollte die Leben-Technik-Analogie, um die es im nächsten Kapitel geht, wohl mehr als erlaubt sein – sind lebende Zellen automatisierten Fabriken doch wesentlich ähnlicher als Eiskristallen. Interessant ist in dem Zusammenhang eh, dass in solchen Leben-Technik-Vergleichen immer der derzeitige Stand menschlicher Technologie betont wird. Lebewesen seien komplexer als alles, was wir bisher bauen können. Wobei wir die Vorgänge in der Zelle heutzutage immerhin mit den Abläufen in modernen industriellen Fertigungsstraßen vergleichen können. Hätte man zu Darwins Zeiten in die Zelle sehen können, wäre man vermutlich auf überhaupt keine vergleichbare menschliche Technologie gekommen. In Zukunft wird man sich wohl in Bezug auf Selbtreparaturfähigkeit, Selbstreproduzierbarkeit, etc., immer mehr den biologischen Strukturen annähern. In Anbetracht dieser stetigen Weiterentwicklung, die von der Bionik auch angetrieben wird, wäre es vielleicht sogar angebrachter, nicht von einer Technik-Analogie, sondern von einer - zwar kühnen, aber grundsätzlich möglichen - Technik-Extrapolation zu sprechen.

Am Ende des Kapitel widmet sich Rammerstorfer noch dem möglichen Vorwurf, dass eine rein technische oder maschinelle Betrachtung des Lebens kalt und entwertend ist. Das gilt wohl vor allem in Bezug auf das Gehirn. Rammerstorfer schreibt:

Wäre beispielsweise das menschliche Gehirn tatsächlich vollständig als (unvorstellbar) komplexe Maschine beschreibbar [...] und dabei ein Phänomen wie beispielsweise die Liebe zu einem Mitmenschen erzeugt, dann würde dies an sich diese Liebe noch nicht entwerten.

(Seite 34/35)

Interessanterweise ist er damit offen für eine rein materialistische Erklärung des menschlichen Geistes, entscheidend wäre dann nur noch die Entstehung dieser „Geist-Maschine“. Im Prinzip bin ich das auch, aber ich stelle trotzdem ein gewisses Unbehagen gegenüber dieser Vorstellung fest. Wäre das Ich-Bewusstsein einer Person komplett durch, sozusagen, rein materielle Prozesse einer komplexen Maschine produzierbar, dann bestünde zumindest rein theoretisch die Möglichkeit, eben diese Prozesse in einer gleichermaßen komplexen Maschine nachzubilden. (Und welcher Naturalist würde grundsätzlich bestreiten, dass wir nicht irgendwann genauso komplexe Strukturen wie Gehirne erzeugen könnten...) Man könnte also rein theoretisch das Ich vervielfältigen und eine Maschine oder ein Gehirn bauen, das glaubt, auch 'ich' (also in meinem Fall Martin Funke) zu sein. Im Endeffekt müsste man sich dann konsequenterweise vom Begriff des Individuums verabschieden, denn ursprünglich bedeutet Individuum ja 'Das Ungeteilte'. Darin besteht wohl auch der Vorteil von platonischen Konstrukten wie der 'unsterblichen Seele', dass sie jedem Bewusstsein eine absolute Einmaligkeit garantieren. Das aber nur „off-topic“ und als Randgedanke, zu dem man gesondert etwas mehr schreiben könnte...

Ein sehr interessantes Thema ist wie schon in „Nur eine Illusion?“ das Spannungsfeld zwischen Sprache und Teleologie. Sehr schön auf den Punkt gebracht wird dieser Konflikt durch ein Zitat von Hans-Dieter Mutschler:

Wenn in neueren biologischen Publikationen auf Schritt und Tritt teleologische Begriffe vorkommen, so teilen sie uns mit, es sei nur „teleonomisch“ gemeint. Die Teleologie sei eine abkürzende Redeweise für etwas, das sie auch rein kausalmechanisch ausdrücken könnten, wenn sie nur wollten. Leider wollen sie nie.“

(zitiert auf Seite 39)

Die Vereinnahmung der Sprache und Erfindung neuer Begriffe grenzt teilweise an Lächerlichkeit. Teleonomie soll vermutlich ähnlich wie bei Astronomie Seriosität suggerieren, und Teleologie in die Astrologie-Schmuddelecke drängen. Richard Dawkins, der sich schon mit der Sprachschöpfung Meme als kreativer Geist erwiesen hat, wirft mit 'designoid' oder 'archi-purpose' und 'neo-purpose' ebenfalls schicke neue Wörter in den Raum. Während die einen vor der Verwendung teleologischer Begriffe warnen, schlagen andere wie Kenneth Miller gerade die Übernahme des „Kreationisten-Vokabulars“ durch die Evolutionsbiolgie vor. (Wobei letzteres ja eh längst praktiziert wird.)

Bemerkenswert ist auch hier wieder, dass das, was eigentlich bewiesen werden soll, bereits als prinzipiell gegeben vorausgesetzt wird. (Seit Darwin wissen wir... etc. pp.) Wie auch in meiner amazon-Kritik zum Buch geschrieben, kommt mir hier immer das Neusprech in Orwells 1984 in den Sinn. Zumindest scheint die Geschichte den Verdacht zu erhärten, dass, wer die Sprache manipulieren muss, die Realität nicht auf seiner Seite hat.

Weitere Themengebiete des Buches sind die sogenannte Dysteleologie, der methodische Naturalismus sowie das Argument, dass Design als alternative Erklärung Gott zum „Lückenbüßer“ degradiere. Bei letzteren wird ja gern behauptet, dass neue Erkenntnisse den angeblichen Lückenbüßer regelmäßig aus seiner Lücke vertreiben. Tatsächlich scheint es jedoch eher so, dass sich Dysteleologie-Argumente oft als verfolgte Lückenbüßer erweisen. Beispielsweise schrieb Kutschera 2001 in seiner Einführung in die Evolutionsbiologie, dass DNA-Schrott „im Widerspruch zum Konzept eines planenden Schöpfers“ stehe. (Zitat bei Rammerstorfer auf Seite 54) Mittlerweile ist man vorsichtiger mit Begriffen wie Junk-DNA. Der Leipziger Genetiker Mark Stoneking meint beispielsweise „Das, was wir für Genschrott gehalten haben, zeigt uns jetzt, wie naiv wir waren“. Man benutzt zum Teil also Argumente aus Unwissenheit oder Naivität, die durch zunehmendes Wissen aus ihrer Lücke vertrieben werden - genau das, was man der „Gegenseite“ unterstellt.

Zum Kapitel „Teleologie nach Darwin“ muss ich gestehen, dass ich hier die Argumentation mit dem Ursache-Wirkung-Paradoxon nicht wirklich verstanden habe.

Letztendlich bleibt als letzter „Gegner“ eigentlich nur noch der methodologische Naturalismus übrig, wie Lewontin oder Carroll auch einräumen. Dieser Materialismus ist nach Lewontin absolut, man könne sich „keinen göttlichen Fuß in der Tür erlauben“. Das ist ja im Prinzip völlig unabhängig davon, ob man tatsächlich plausible naturalistische Mechanismen findet oder nicht. Auch hier wird wieder deutlich, dass es in der Kontroverse oft eigentlich gar nicht um die Details geht, um die es gehen sollte. Rammerstorfer schreibt treffend, dass eine ausschließlich an naturalistischen Erklärungen interessierte Wissenschaft davon abrückt, eine aufrichtige und ehrliche Wahrheitssuche zu sein. ("Intentionales Design in der belebten Natur ist eine Illusion, weil der methodologische Naturalismus es ausschließt" wäre auch eine seltsame Schlussfolgerung)

Im Anhang geht Rammerstorfer noch auf die gern eingebrachte Frage „Und wer schuf den Designer?“ ein. Obwohl es im direkten Vergleich zu „Nur eine Illusion?“ keine spektakulären Neuerungen gibt, denke ich, lohnt sich der Erwerb des Buches auch für Personen, die die Ursprungsthematik bereits seit längerem verfolgen.

Sonntag, 30. Mai 2010

Fleisch macht schlau

Die aktuelle Ausgabe des Stern thematisiert den übermäßigen Fleischkonsum der Deutschen, beziehungsweise der meisten Menschen allgemein. Die moderne Massentierhaltung (ein schöner Euphemismus für ein gesellschaftlich sanktioniertes und im industriellen Maßstab betriebenes Zu-Tode-Foltern) ist dabei allerdings eher Nebensache. Die Umweltverschmutzung zieht da als Argument schon eher. Wenn die überzüchtete Masse der Todgeweihten mit ihren Abgasen schon die Atmosphäre erwärmt, kann man ja dann doch mal ein Steak weniger auf den Grill hauen. Die Titelschlagzeile "Esst weniger Fleisch!" hat auch nicht wirklich einen gesundheitlichen Hintergrund, die Quintessenz nach zehn Seiten ist eher, dass die Fleischindustrie wieder mehr Qualität produzieren soll. Aber immherin ist es ja schon mal ein Anfang...

Vielsagend ist schon der erste Satz: "Vorab an alle Vegetarier, Veganer und passionierten Salatverzehrer: Ohne Fleisch, tut uns leid, ohne Fleisch kein Mensch, kein Homo sapiens. Ohne Fleisch wären wir noch Affen." Was gleich die Freude bei den doofen Körnerfressern dämpfen soll, offenbart eigentlich die ultimative Rechtfertigung für Fleischkonsum jeder Form: Was uns zum Menschen machte, kann an sich nicht schlecht sein. Die Speiseplan-Erweiterung des Frühmenschen auf Fleisch soll innerhalb einer Million Jahren eine Verdreifachung des Hirnvolumens bewirkt haben. Und da wir keine Reißzähne haben und uns vor rohem Fleisch auch eher ekeln, vor allem wenn es noch irgendwie an den früheren Besitzer erinnert, muss das Fleisch natürlich gegrillt, gekocht oder gebraten und ordentlich gewürzt sein.

Populärwissenschaftliche Texte mit evolutionsbiologischem Hintergrund heben dementsprechend auch regelmäßig nur positive Aspekte des Verzehrs unserer lieben Verwandten hervor. Im Focus-Artikel Das Geheimnis unseres Erfolges heißt es beispielsweise: "Das Fleisch – ein sehr kalorienreiches Nahrungsmittel, das zudem viele ungewöhnliche Fettsäuren enthält – ermöglichte es den Frühmenschen, größere Gehirne zu entwickeln." Da fragt man sich ernsthaft, warum die fleischverarbeitende Industrie nicht längst die Evolutionsbiologie für ihre PR entdeckt hat. Mal ehrlich, ein Werbespot mit diesem Satz, vielleicht noch mit einem Kind, das gerade herzhaft in sein Brot mit Bärchenwurst beißt... welche Eltern würden da nicht ein großes Stück Fleisch neben die Zuckerbomben mit der Extraportion Milch in den Einkaufswagen legen?

Auch ein schönes Beispiel ist Der kochende Affe aus dem Tagesspiegel: "Das Kochen lässt außerdem Gifte zerfallen, es tötet Krankheitserreger ab, es hat eine konservierende Wirkung, und es macht etliche Nahrungsmittel überhaupt erst genießbar." Dass Vitamine hitzeempfindlich sind und bei manchen Erhitzungsarten auch Gifte entstehen, wie Acrylamide oder PAK, wird nicht erwähnt. Kein Wort auch vom erwiesenen Zusammenhang zwischen vermehrten Konsum von rotem Fleisch und erhöhtem Krebs- und Herzinfarktrisiko. In dem Zusammenhang müsste man eigentlich auch annehmen, dass unsere Vorfahren, die während der harten und kargen Eiszeiten hauptsächlich auf Fleisch von Mammut und Co. zurückgreifen mussten, ein mindestens ähnliches Gesundheitsrisiko hatten. Man könnte natürlich argumentieren, dass sie gar nicht in das Alter kamen, in dem der Herzkasper zuschlägt, allerdings mutet es schon etwas seltsam an, das etwas, was das Individuum krank macht, auf die Gemeinschaft als Ganzes längerfristig positiv gewirkt haben soll, indem es die Intelligenz erhöhte.

Die Losung 'Fleisch machte uns zu Menschen' oder 'höherer Proteinkonsum = wachsendes Hirn = wachsende Intelligenz' hat aber auch andere seltsame logische Implikationen. Zum einen kann man sich fragen, ob eine rein quantitative Größenzunahme eines Organs tatsächlich automatisch einen entsprechenden Qualitätszuwachs bei der Funktion des Organs herbeiführt. Kurios ist in dem Zusammenhang auch, dass in populärwissenschaftlichen Darstellungen oft Ursache und Wirkung verwechselt werden, nach dem Motto 'Das wachsende Hirn brauchte Nährstoffe'. In einem Buch, das ich gerade lese, heißt es beispielsweise mit Bezug auf Balkenfasern, die beide Gehirnhälften verbinden: "[...] die Evolution [ließ] sich beim Homo sapiens etwas Neues einfallen [...] Da sie den Babykopf nicht noch weiter vergrößern konnte, kam es zu einer Aufgabenteilung zwischen den beiden Häften [...]" Wenn Evolutionsbiologen meinen, solche Zusammenhänge auch rein physisch-kausal erklären zu können, wenn sie nur wollten, dann muss man Wissenschaftsjournalisten wohl vorwerfen, dass sie das noch nicht einmal wollen...

Auch der Zusammenhang zwischen wachsendem Hirn und wachsender Intelligenz kann in Frage gestellt werden. Zum einen hatte Homo floresiensis mit einem Hirn von Schimpansengröße eine erstaunliche handwerkliche Begabung, und das noch vor maximal 100.000 bis 15.000 Jahren. (Was zum Teil damit erklärt wird, dass auch ein kleines Gehirn leistungsfähig sein soll, wenn die Neuronen entsprechend intensiv verknüpft sind. Wenn aber die Möglichkeit intensiverer Vernetzung als grundsätzliche Alternative zur Hirnvergrößerung besteht, dann fragt sich, wieso Mutter Natur die Hirne überhaupt wachsen ließ, wenn damit erhebliche Risiken bei der Geburt, etc. verbunden sind) Zum anderen hatten Neandertaler und Cro-Magnon-Mensch ein größeres Gehirn als der Jetztmensch (letzterer über 16 cm³ im Vergleich zu heutigen 12 bis 14 cm³) Außerdem scheint auch mit erheblich verringerter Hirngröße eine Intelligenz möglich, die deutlich über der von Primaten liegt, wie der Fall eines französischen Beamten zeigte, der seinen Alltag mit einem Zehntel Gehirn meistert.

Zudem zeigen Säugetiere, die Fleisch konsumieren, bisher keine Tendenz zu wachsendem Hirn bzw. Hirnleistung. Was im Focus-Artikel folgendermaßen kommentiert wird: "Das Fleisch war zwar notwendige Bedingung für das Wachstum des Gehirns und damit die Evolution des Menschen, es war aber nicht die Ursache, schließlich hätten sonst auch alle möglichen anderen Fleischfresser eine ähnliche Entwicklung durchmachen müssen. William Leonard führt die rasante Entwicklung auf viele Faktoren zurück, die sich gegenseitig verstärkten. Mehr Fleisch bedeutete eine Begünstigung des Gehirnwachstums, dadurch erweiterte sich die Lernfähigkeit, was wiederum ein komplexeres Sozialleben ermöglichte und die Entwicklung innovativerer Werkzeuge oder Jagdtechniken." (Wobei das die entscheidende Frage eigentlich nur verschiebt, denn warum zeigen sich dann eben diese verstärkenden Faktoren nicht bei anderen Fleischfressern?)

Wenn erst gekochte oder anderweitig erhitzte Nahrung die Hirn-Kraftnahrung sein soll, dann könnte man sich auch fragen, wie unsere Vorfahren überhaupt den Intelligenzstatus erreichten, der für entsprechende Zubereitungstechniken nötig ist. Immerhin gehört schon einiges dazu, ein Feuer zu machen oder Wasser aufzusetzen. Oder wenigstens das Fleisch von Aas zu zerschneiden oder Knochen aufzubrechen.

Davon abgesehen sollte eine entsprechende Wirkung bei rezenten Tieren eigentlich nachweisbar sein, wenn auch nur ansatzweise. Immerhin könnte man ja annehmen, dass der Mensch schon früh domestizierte Tiere mit durch Kochen "vorverdauter" Nahrung fütterte. Literatur zu entsprechenden Langzeitversuchen, Pflanzenfresser mit rohem oder hitzebehandeltem Fleisch, bzw. gekochter pflanzlicher Kost zu ernähren, habe ich leider nicht gefunden. Allerdings wird in entsprechenden Tierforen dringend davon abgeraten, pflanzenfressende Tiere mit Fleisch zu füttern...

Donnerstag, 22. April 2010

Zillmer-Interviews

Hier mal Links zu zwei Interviews mit Hans-Joachim Zillmer auf alpenparlament.tv. Zillmer ist nicht unumstritten, trotzdem ist vieles von dem, was er sagt, ganz interessant. Dauer jeweils eine knappe Stunde.

Der Energie-Irrtum

Die Evolutionslüge

Dienstag, 30. März 2010

Ergänzung der Linkliste

Wolf-Ekkehard Lönnig bat mich, auf seine jüngste Arbeit hinzuweisen:

Wolf-Ekkehard Lönnig (2010):

Die Evolution der karnivoren Pflanzen:

Was die Selektion nicht leisten kann

das Beispiel Utricularia

http://www.weloennig.de/Utricularia2010.pdf


Thema:

Der folgende Beitrag beschäftigt sich zunächst mit der von Martin Neukamm, Stefan Schneckenburger und Johannes Sikorski verfassten Einleitung zum Kapitel IX des Buches Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus. Darwins religiöse Gegner und ihre Argumentation (2009, hrsg. von M. Neukamm, abgekürzt MN), Titel des Kapitels: "Was die Selektion angeblich nicht leisten kann. Diskussion von drei Paradebeispielen." [...]


Mehr zum Inhalt zu einem späteren Zeitpunkt.

Freitag, 31. Juli 2009

Immer wieder faszinierend...

... sind oft evolutionäre "Erklärungen", die Biologen gegenüber Laien äußern. Wie zum Beispiel diese, auf die ich zufällig gestoßen bin. Da fragt jemand: Wie genau entsteht die Kalkhülle (Schale) beim Hühnerei? Wie bildet sich die ovale Form? Antwort des Diplom-Biologen:
Die harte Schale der Eier von Amphibien, Reptilien und auch von Vögeln ist eine Anpassung der Tiere an das Leben an Land. Als die ersten Tiergruppen das Wasser verließen, wurden sie vor mehrere Probleme gestellt: Der heranwachsende Embryo musste gegen die äußeren Einflüsse geschützt werden, vor allem vor dem Austrocknen, aber auch vor Erschütterungen. Er erhielt darum eine stabile Schale, die aber porös genug ist, um Luft durchzulassen.
Mal abgesehen davon, dass diese Information eigentlich völlig überflüssig ist für die Beantwortung der eigentlichen Fragen, stellt sich die Frage: Wer genau musste den heranwachsenden Embryo gegen die äußeren Einflüsse an Land schützen? Die Tiere selbst? Wollten die unbedingt an Land, so ähnlich wie Columbus nach Indien wollte, oder die Amerikaner auf den Mond? Oder "die Natur"? Das würde so ziemlich auf dasselbe hinauslaufen, denn die Tiere gehören ja zu eben dieser Natur.

Seltsamerweise klingen derartige Formulierungen immer etwas lamarckistisch, auf jeden Fall aber teleologisch. Insofern wird auch verständlich, warum oft behauptet wird, mit Darwin und Co. könne man "im Prinzip" alles erklären, wie beispielsweise Thomas Junker: "Warum ist sie [die Idee einer göttlichen Planung] überflüssig? Weil wir die Selektionstheorie haben, seit Darwin, die kann eigentlich alle Phänomene, die wir erklären wollen in der Biologie, die in den Bereich fallen, erklären." Beziehungsweise, weil wir die Planung einfach einer ominösen, personifizierten Natur in die Schuhe schieben.

Sonntag, 26. April 2009

23 Jahre später

Heute vor 23 Jahren ereignete sich die katastrophale Kernschmelze im Atomkraftwerk Tschernobyl, eine der größten Umweltkatastrophen überhaupt. Die westliche Welt erfuhr allerdings erst zwei Tage später von dem GAU. Es ist eines der geschichtlichen Ereignisse, an die
ich mich selbst erinnern kann - sowohl an die Meldung im Radio als auch an den ersten Regen danach, den man nach Umständen nicht im Freien verbringen sollte. (Ich weiß noch, dass ich als Einziger auf dem Spielplatz blieb, um zu sehen, was passiert, und dann enttäuscht war, dass es sich wie ganz normaler Regen anfühlte...)

Aus evolutionsbiologischer Perspektive sind die Katastrophe und ihre Spätfolgen ebenfalls nicht uninteressant. Immerhin ist Mutation nach klassisch-darwinscher Sichtweise eine Hauptursache für die Veränderung von Arten, und eben diese ist durch die radioaktive Strahlung in den kontaminierten Gebieten verstärkt. So stellte ein Team von Wissenschaftlern im Jahr 2000 beispielsweise eine sechsfach erhöhte Mutationsrate bei Weizenpflanzen fest (siehe hier). Obwohl mittlerweile Bären und Wölfe das Gebiet zurückerobert haben und sich Flora und Fauna offenbar in einem gewissen Rahmen an die verseuchte Umwelt anpassen - so entdeckte man 2003 beispielsweise eine verstärkte Methylierung bei Kiefern - leidet die Natur unter der erhöhten Strahlung. So ergab jüngst eine "Volkszählung" verschiedener Insektenarten eine anhaltende Dezimierung in der Umgebung des Kernkraftwerkes.

Anders Pape Møller von der Universität Paris-Süd und Timothy Mousseau von der Universität von South Carolina (USA) zählten Hummeln, Schmetterlinge, Libellen und Grashüpfer sowie die Spinnennetze in der Gegend um den Reaktor. Ihre Studie ergab, dass die Zahl dieser wirbellosen Tiere in Abhängigkeit zur Strahlung vermindert ist. Eine frühere Studie der Wissenschaftler zeigte bereits eine Beeinträchtigung von Vögeln.

Die Geisterstadt Pripyat, ehemals Heimat für fast 50.000 Menschen
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Bildquellen: Der Sonntag, pripyat.com

Freitag, 17. April 2009

Menschen, Meme und Maschinen

Kürzlich bin ich auf einen sehr interessanten Text von Susan Blackmore gestoßen, kopiert und vervielfältigt von spiegel-online. Grundaussage des Artikel kurz zusammengefasst: Nachdem Replikatoren erster Ordnung – sprich Gene – Lebewesen hervorgebracht haben (woher diese Replikatoren kamen, klammern wir mal aus), irgendwann dann „aufrecht gehende Affen“ Replikatoren von sogenannten Memen wurden, die sie entwickelten (wobei man wohl eher sagen sollte, die Natur habe die Meme entwickelt, bzw. die Meme haben sich selbst entwickelt, und wir glauben in unserer maßlosen Arroganz nur, sie selbst entwickelt zu haben), benutzen uns zunehmend sogenannte Teme oder Treme – Informationseinheiten technischer Natur – als Replikatoren und bereiten die Ablösung biologischer durch technische Replikatoren vor. (Natürlich nicht bewusst, denn sie sind ja blind und egoistisch und so.)

Beim Lesen stellten sich mir mehrere Fragen. Zum einen: Ist die Gleichsetzung von Genen und ihren Informationen mit Ideen, Liedern, Glaubenssätzen, Geschichten, etc., die Dawkins´ Mem-Konzept zugrunde liegt, nicht gerade das, was Egel-Forscher Kutschera kritisiert? Nämlich die Gleichsetzung menschlicher „Geistes-Produktionen“ mit „realen Phänomenen“ wie Butterbrote und Straßenbesen durch „Verbalwissenschaftler“? Wenn also schon die These von Memen verdächtig verbalwissenschaftlich daherkommt, um wie viel mehr gilt das dann für eine darauf aufbauende These von sogenannten Temen oder Tremen? Zum anderen weisen einige Evolutionsvertreter gern darauf hin, dass genetische Information grundsätzlich nicht von Menschen erzeugten Informationen wie Sprache verglichen werden kann. Memetik geht nun seltsamerweise gerade davon aus, dass sie im Grunde sehr ähnlich und in Bezug auf ihre Gesetzmäßigkeiten praktisch 1:1 verglichen werden können. (Rückwirkend könnte man dann ja sogar aus der Gesetzmäßigkeit, dass memetische Information nur durch Intelligenz erzeugt werden kann, darauf schließen, dass das auch für genetische Information gelten müsse.)

Interessant auch wie immer die Analyse der Ausdrucksweise des Textes. Schon im Einleitungstext heißt es: "Die Evolutionstheoretikerin Susan Blackmore glaubt, dass wir mit Computern und Internet eine neue Evolution in Gang gesetzt haben, die wir eines Tages bereuen könnten." Und auch sie selbst schreibt: "Haben wir ungewollt einen dritten Replikator freigesetzt, der auf menschlichen Memen huckepack reitet? Ich glaube ja." Sie glaubt also. Was sie allerdings nicht davon abhält, über Errungenschaften der Zivilisation wie Buchdruck und Computer erstaunlich objektiv zu urteilen: Normalerweise wird dieser Vorgang als Errungenschaft des menschlichen Erfindergeistes gesehen, aus dem wunderbare Technologien hervorgehen, die dem Wohl der Menschheit dienen, und bei dem wir die Kontrolle haben. Das ist eine erschreckend anthropozentrische Sichtweise dessen, was da vor sich geht.

Wie anthropozentrisch und arrogant wir mal wieder sind… Maßen uns doch tatsächlich an, menschliche Erfindungen als Produkt menschlichen Erfindergeistes zu sehen, und nicht als Vehikel möglicher Meme oder Teme (bzw. Treme (oder vielleicht Tic, Tric oder Trac?)). Da geschieht es uns wohl beinahe recht, dass uns Terminatoren bald bekriegen und uns die Matrix versklavt.

Montag, 23. März 2009

Mutation ist mein Geschäft, Liebling

Wie erwartet treibt der Boulevard-Darwinismus in diesem Jahr sonderbare Stilblüten. Ein schönes Beispiel lieferte die Süddeutsche kürzlich. Unter der Überschrift "Polonaise statt Sex" heißt es:

"Evolution sei doch "bloß eine Theorie" und nicht bewiesen, behaupten noch immer viele Skeptiker."


Ah ja... Bei solch tollen Einleitungen sieht man förmlich Helmut Markwort vor sich, wie er sich das dichte Haar rauft und "Fakten! Fakten! Fakten!" ruft. Wer genau behauptet was genau, wann, wie, wo und warum, und welche Quelle belegt das? Eigentlich Grundschule für Journalisten, aber beim Hassthema Kreationismus werden offenbar immer wieder die einfachsten Grundregeln seriöser Berichterstattung vergessen.

Das supertolle Beispiel für "Die Evolution", das unseren nebulösen Skeptikern nun die Sprache verschlagen soll, ist ein Experiment an Fruchtfliegen, bei dem der Experimentator nur diejenigen Fliegen überleben ließ, die sich bei der Futtersuche schlauer anstellten. Und siehe da, Abrakadabra, nach zwei dutzend Generationen waren die Fliegen schlauer. Aber natürlich funktioniere das in der freien Wildbahn nicht so, denn da gibt es ja keinen Mann im weißen Kittel, der die Selektion vornimmt.

So weit, so spektakulär. Mein absoluter Lieblingssatz ist jedoch folgender:

Die Fruchtfliege Drosophila melanogaster könnte darüber nur verwundert ihr mit Antennen bewehrtes Haupt schütteln. Für das winzige Insekt ist Evolution das Alltagsgeschäft im Dienste der Wissenschaft.


Genau. Fliegen würden Darwin lesen. Tatsächlich wurden in über hundert Jahren Milliarden dieser Insekten verstümmelt und zerschossen, und das mit fragwürdigem Erfolg. Ob die Fliege tatsächlich ihre Antennen (oder was sie sonst noch alles am Kopf hat) über diejenigen schütteln würde, die (Makro)-Evolution anzweifeln? Auf jeden Fall eine hübsche Idee für ein T-Shirt-Logo, oder ähnliches:


Donnerstag, 16. Oktober 2008

Wo ist das Fell hin?

Auch an sich unerfreuliche Diskussionen können manchmal interessante Fragen aufwerfen. So geschehen letzte Woche. Neben den üblichen Vorwürfen an Evolutionskritiker allgemein (u.a. Naivität und mangelnde Logik) und Aufzählung scheinbar nutzloser oder fehlkonzipierter Körperteile (Füße, Blinddarm, etc.) kamen auch Brustbehaarung und Fußnägel zur Sprache. Sie seien nur unter Voraussetzung einer realgenetischen Verwandtschaft mit anderen Säugetieren zu verstehen.

Die Geschichte der Wissenschaft zeigt eigentlich, dass gegebene Fakten oder Daten nie nur durch eine einzige Interpretation erklärt werden können, deshalb stellt sich die Frage, welche Schlüsse man aus der Existenz dieser biologischen Features ziehen kann. Unter Voraussetzung einer Abstammung von Primaten kann man sie als Rudimente von früher nützlichen Errungenschaften sehen: Ganzkörperfell und Krallen. Aber diese Interpretation ist auch mit vielen offenen Fragen verbunden. Wenn Fußnägel beispielsweise nutzlos wären, warum sind sie dann noch genauso ausgeprägt wie Fingernägel, die durch Stabilisierung beim Greifen sehr nützlich sind? Das wäre ein interessanter Aufhänger für Nachforschungen. Ich könnte mir vorstellen, dass auch sie die Extremitäten-Enden stabilisieren, was bei schnellerem Laufen oder tasten mit den Füßen nützlich sein könnte. (Wahrscheinlich waren sie gar nicht dafür geschaffen, die meiste Zeit des Tages in engen Schuhen zu stecken.) Auch die Restbehaarung hat Funktionen, wie Sensibilisierung der Haut, Herabsetzung der Reibung oder Kanalisierung von Schweißströmen. (Und sicherlich auch ästhetische. Kein Vogel baut sein Nest gern in einem kahlen Baum, heißt es in einem James-Bond-Film mit dem brusthaar-gesegneten Sean Connery ;)

Eine andere offene Frage ist: Warum sollten die Vorfahren des heutigen Menschen überhaupt ihre Ganzkörperbehaarung verloren haben? Solange das nicht plausibel geklärt ist, bleibt der Verweis auf rudimentäre Fellreste argumentativ eher schwach. Das Hauptproblem, mit dem die meisten Erklärungsversuche (wie Savannen- oder Wasseraffentheorie) kämpfen, ist die Einmaligkeit des Verlustes. Wäre Fellverlust ein Vorteil, wäre er auch anderen Säugern widerfahren. Da ein Fell jedoch große Vorteile wie Hitze- und Kälteschutz bietet, sind kaum Vorteile einer Nacktheit zu erdenken, die diese aufwiegen. Zumal wir uns ohne Bedeckung auch gar nicht wohl fühlen und uns die Felle unserer Mitsäuger leihen, bzw. auf andere Weise Fellersatz beschaffen.

Eine andere Merkwürdigkeit der menschlichen Behaarung ist, dass das Kopfhaar lebenslang wächst. Hätten wir keine Technik zum Kürzen der Haare, würden sie irgendwann auf dem Boden schleifen. Haben sich die Frühmenschen überlegt: ‚Ah, wir haben jetzt Messer, jetzt können wir unsere Kophaare wachsen lassen’? Seltsam ist auch, dass Männer kahlköpfig werden, während andere Säuger ihr Fell bis zum Tod behalten. (Wobei Evolutionsbefürworter hier sicher einwenden werden, dass wir wesentlich älter als die meisten Säuger werden.)

Eine Theorie, auf die ich in diversen Foren öfter gestoßen bin, ist die von Oscar Kiss Maerth in seinem Buch „Der Anfang war das Ende“ von 1971 dargelegte. Danach war Kannibalismus der ausschlaggebende Faktor der Menschwerdung. Primaten entdeckten nach Maerth, dass die Gehirne ihrer Artgenossen nach mehr schmeckten und eine verstärkte sexuelle Erregung hervorriefen. Der regelmäßige Hirnkonsum machte sie angeblich intelligenter, führte jedoch auch zu krankhaften Veränderungen wie eben dem unnormalen Haarwuchs und widersprüchliches Verhalten (z.b. Aggression gegen die eigenen Artgenossen, etc.) Das klingt so nihilistisch, dass es für einige sicher eine hohe Plausibilität besitzt. Seriöse Bestätigungen der Theorie findet man im Internet praktisch nicht. In der englischsprachigen wikipedia wird sein Buch pseudowissenschaftlich genannt, er habe die Idee dazu beim Genuss rohen Affenhirns in südostasiatischen Restaurants gehabt.

Der Fellverlust bleibt aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht also mysteriös.

Dienstag, 16. September 2008

Asche aufs Haupt

Die Church of England bittet Charles Darwin - 126 Jahre nach seinem Tod - um Entschuldigung. Für was eigentlich? Rev. Dr. Malcolm Brown schreibt unter der Überschrift "Good religion needs good science": "When a big new idea emerges which changes the way people look at the world, it’s easy to feel that every old idea, every certainty, is under attack and then to do battle against the new insights. The church made that mistake with Galileo’s astronomy, and has since realised its error. Some church people did it again in the 1860s with Charles Darwin’s theory of natural selection."

Browns Text folgt den üblichen Argumentationsschemen; Dinge, die schon anderswo hunderte Male gesagt wurden. Es gäbe keinen Konflikt zwischen Darwins Selektionstheorie und dem Christlichen Glauben*, die aktive Anwendung der Selektionstheorie auf Menschen war ein schlimmes Misverständnis**, etc. pp. Sogar zwei Bibelstellen führt Brown an: Jesu Aufforderung an seine Jünger, die Vögel und die Lilien auf dem Feld zu betrachten, sowie Johannes 16 Vers 12 und 13: "Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten." Darwin als geleitet vom Geiste der Wahrheit, der publik machte, was Jesus noch nicht zu sagen wagte - wenn das keine frohe Botschaft ist...

Hintergrund dieses Mea Culpa ist unter unterem die berühmte Auseinandersetzung zwischen Bischof Wilberforce und Thomas Henry Huxley im Jahre 1860. Die FAZ bemerkt dazu: "Die Geschichte ist bekannt: Eintausend Zuhörer hatten sich in dem Hörsaal des Naturgeschichtlichen Museums in Oxford eingefunden und lauschten nun der legendären Frage des Bischofs, ob Thomas Henry Huxley, der als Verteidiger der Evolutionstheorie in den Ring gestiegen war, über seine Großmutter oder den Großvater mit dem Affen verwandt sei. Die nicht weniger legendäre Antwort von Huxley lautete, dass er lieber einen Affen zum Großvater hätte als einen Mann, der seine Bildung und seinen Einfluss dafür einsetze, eine wissenschaftliche Diskussion ins Lächerliche zu ziehen. Kurzum: Huxley wollte lieber vom Affen als vom Pfaffen abstammen."

Heutzutage erscheint die ironische Frage des Bischofs jedoch geradezu artig im Vergleich zu dem zynischen Ton, der gegenüber Vertretern des Kreationismus oft angeschlagen wird. Wilberforce rezensierte Darwins Werk im übrigen einen Monat nach dem Zusammentreffen mit Huxley und attestierte Darwin eine "außergewöhnliche Klugheit". Und warum entschuldigt man sich eigentlich nicht auch gleich posthum bei Huxley? Im Entschuldigen scheint die CofE zumindest Übung zu haben. Die britische Ministerin Ann Widdecombe kommentiert: "It’s absolutely ludicrous. Why don’t we have the Italians apologising for Pontius Pilate? We’ve already apologised for slavery and for the Crusades. When is it all going to stop? It’s insane and makes the Church of England look ridiculous". Auch sonst scheint die Entschuldigung eher Kopfschütteln auszulösen.

Der Vatikan merkt an, dass man sich im Gegensatz zur anglikanischen Kirche nicht zu entschuldigen brauche. Darwin wurde nie verurteilt, Papst Pius XII. und zuletzt auch Johannes Paul II. hätten die Stichhaltigkeit vieler Punkte der Evolutionstheorie ausdrücklich bestätigt.

Einer Kanonisierung Darwins scheint eigentlich nichts mehr im Wege zu stehen. Zumindest wäre das wohl die PR-Aktion in seinem 150. Ehrenjahr.
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*Meine Meinung dazu habe ich zum Teil hier wiedergegeben.

** Man könnte sich fragen, warum Darwins Selektionstheorie eigentlich nicht auf Politik und Soziologie angewendet werden sollte , wenn andererseits nichts in den Geisteswissenschaften Sinn ergibt, außer im Lichte der Biologie

Samstag, 28. Juni 2008

Alle Vögel fliegen hoch

Eine in Science veröffentlichte Erbgutanalyse von 169 Vogelarten bringt den Stammbaum der Vögel ins Wanken. Vogelarten, die aufgrund von Aussehen oder Verhaltensweisen als evolutionär verwandt angesehen wurden, sind es nach der Studie offenbar doch nicht.

Flamingos sind demnach nicht so nah verwandt mit Lappentauchern wie bisher angenommen, der Kuckuck nicht so nah mit anderen Landvögeln (passt ein bisschen zu seinem Image...). Dagegen zeigten sich Sperlingsvögel und Papageien als näherstehend als bisher gedacht.

Damit dürfte die Liste von Merkmalen und Lebensweisen, die als zufälligerweise mehrmals unabhängig voneinander entstanden gelten, wieder etwas länger werden.
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A Phylogenomic Study of Birds Reveals Their Evolutionary History

Erbgut-Analyse rupft Vogel-Stammbaum

Montag, 14. April 2008

Da steppt die Koralle

Wo ich thematisch grad unter Wasser bin: Hier auch noch ein Hinweis auf einen sehr lesenswerten Artikel von Georg Menting.

Sonntag, 13. April 2008

Der besondere Film

Bedingt durch Umzug und diverse Renovierungsarbeiten bin ich in den letzten Tagen leider nicht zum bloggen gekommen. Deshalb auch hier nur ein kleiner Filmtip.

Am Donnerstag startete der Dokumentarfilm Sharkwater in einigen (leider zu wenigen) deutschen Kinos. Regisseur ist der Tauchlehrer und Meeresbiologe Rob Stewart. Er hatte ursprünglich einen schön fotografierten Film über Haie im Sinn, während der Dreharbeiten kam er jedoch Industriellen in die Quere, die ihr Geld mit Haifischflossen verdienen, und so wurde aus dem Film ein Real-Life-Thriller, der Regisseur und Crew oft in tödliche Gefahr brachte. (Hier ein Interview mit dem Regisseur)

Grundanliegen des Films ist es, das allgemeine Image von Haien als grausame Tötungsmaschinen zu korrigieren und ein Bewusstsein für ihren Schutz zu schaffen. Beispielsweise sterben jährlich mehr Menschen durch Küchenunfälle oder Blitzschlag als durch Haie. Zumindest haben Haie kein besonderes Interesse an Menschen. Szenen wie zum Beispiel im James-Bond-Film "Leben und sterben lassen", wo ein paar Tropfen menschliches Blut im Wasser Haie zu unbarmherzigen Killern werden lassen, entsprechen nicht der Realität.*

Aber warum haben Haie eigentlich dieses Image? Als erstes fallen den meisten da wohl Steven Spielbergs "Jaws" (Der weiße Hai)** und Filme wie den oben genannten ein. Und sicherlich ist der Hai in solchen Filmen nicht zuletzt aus dramaturgischen Gründen auf das möglichst pure Böse, den schwimmenden Sensenmann, reduziert. Aber es ist vielerlei Hinsicht auch die Auswirkung eines evolutionistischen Weltbilds, das immer wieder die monströse, unbarmherzige Seite der Natur betont, das 'Fressen und gefressen werden'. Dass ein millionen-Jahre-altes Erfolgsmodell dieses ewigen Kriegs der Natur dem Menschen seinen Spitzenplatz in der Nahrungskette streitig macht, passt da nur zu gut ins Bild.

* Auch Piranhas sind wesentlich weniger aggressiv als es im Bondfilm "Man lebt nur zweimal" angedeutet wird.

** Wenn ein Tier wie der Hai, das noch lebt und erforscht werden kann, so falsch dargestellt wird, dann kann man sich auch ungefähr ausrechnen, wie realistisch die blutrünstigen Saurier in Jurassic Park sind.

Donnerstag, 6. März 2008

Menschen sind auch nur Fische

Mal wieder eine nette Geschichte auf Darwin says just so: Schluckauf ist ein evolutionäres Erbe aus unserer maritimen 
Vergangenheit. Siehe hier oder hier. Zitat:
The problem is that the brain stem originally controlled breathing in fish; it has been jerry-rigged to work in mammals. Sharks and bony fish all have a portion of the brain stem that regulates the rhythmic firing of muscles in the throat and around the gills. The nerves that control these areas all originate in a well-defined portion of the brain stem. We can even see this nerve arrangement in some of the most primitive fish in the fossil record. Ancient ostracoderms, from rocks over 400 million years old, preserve casts of the brain and cranial nerves. Just as in living fish, the nerves that control breathing extend from the brain stem.

This works well in fish, but it is a lousy arrangement for mammals. In fish the nerves that control breathing do not have to travel very far from the brain stem. The gills and throat generally surround this area of the brain. Mammals have a different problem. Our breathing is controlled by muscles in the wall of our chest and by the diaphragm, the sheet of muscle that separates chest from abdomen. Contraction of the diaphragm controls inspiration. The nerves that control the diaphragm exit our brain just as they do in fish, and they leave from the brain stem, near our neck. These nerves, the vagus and the phrenic nerve, extend from the base of the skull and travel through the chest cavity to reach the diaphragm and the portions of the chest that control breathing. This convoluted path creates problems; a rational design would have the nerves traveling not from the neck but from somewhere nearer the diaphragm. Unfortunately, anything that interferes with one of these nerves can block their function or cause a spasm.

Eigentlich ist es nicht so, dass man diese Erklärung für den Schluckauf unbedingt benötigt. Viele Wissenschaftler sehen ihn als für den Fötus notwendigen Reflex, der die Atemmuskulatur trainiert und ihn auf das Leben an der Luft vorbereitet. Die geschlossene Stimmritze verhindert dabei das Eindringen von Fruchtwasser. Nach der Geburt wird dieser Reflex nicht mehr benötigt und tritt auch immer seltener auf. Dass er überhaupt nach der Geburt noch auftritt, könnte innerhalb des ID-Paradigmas als Auswirkung von Degeneration gesehen werden.

Aber so hat man halt eine coole Story, vor allem auf Partys, wenn jemand Schluckauf bekommt.

Mittwoch, 2. Januar 2008

Das Aposematismus-Paradoxon

Meine Feiertags-Lektüre war, bzw. ist noch, Das Glück der Tiere von Burkhard Müller. Eine ausführlichere Rezension wird noch folgen. Was ich bisher allerdings schon als sehr positiv herausstellen kann, ist, dass Müller viele Beispiele für evolutionäre Sackgassen anführt, über die man noch nicht viel gelesen hat. (Wobei man ja offiziell eh nie viel über diese liest...)

Als Beispiel möchte ich das Problem der Warnfärbung nennen. Auf Seite 144 schreibt Müller:


Nebenbei bemerkt, ist natürlich jede Art von Warnfärbung ein besonders gutes Beispiel für die Unmöglichkeit des Anfangs. Es muss im ganzen Reich der Beutegreifer, welcher zoologischen Gruppen sie auch angehören mögen, eine wohl entwickelte Konvention geben, dass man von auffällig gefärbten Beutetieren besser die Zähne lässt, und zwar von vornherein: Hat jeder Räuber diese Erfahrung erst für sich zu machen, dann ist es für das arme Opfer, an dem er sich macht, meist schon zu spät. Räuber aber gibt es unendlich viele; die Warnfärbung muss jeden, bevor er sich den Appetit an ihrem Träger verderben kann, erst einmal durch ihre Auffälligkeit wie eine Zielscheibe anlocken. Die entsprechenden Verluste im Vorfeld künftigen evolutiven Gewinns können vielleicht von kompletten Spezies und Populationen ausgeglichen werden - wenn aber zunächst nur, wie es dem Wesen der Mutation entspricht, ganz vereinzelte Individuen das neue Merkmal tragen, so werden sie bevorzugt ausgemerzt: Es kann darum auf keinen Fall selektiert werden!


Ich wünsche allen Lesern ein schönes, gesundes und interessantes Jahr 2008!

Bildquelle

Sonntag, 2. Dezember 2007

Kleine Rätselfrage:


Was verschwindet, wenn man es (evolutionär) erklärt?




Wer noch etwas darüber nachdenken möchte, sollte ab hier erstmal nicht weiterlesen. ;)






Die Antwort ist: Altruismus. Selbstloser Einsatz für andere, sogar völlig fremde, auch unter Gefahr für das eigene Leben. Ein Wort, das das sehr treffend bezeichnet, ist das griechische Wort Agape, das in den christlichen Schriften der Bibel vorkommt und als uneigennützige, schenkende Liebe übersetzt werden kann.

Schon Darwin hatte seine Probleme mit dem Altruismus. Seiner Vorstellung nach erklärt er sich im Tierreich vor allem durch Blutsverwandtschaft. Arbeitsbienen zum Beispiel, die sich für ihren Bienenstock opfern, schützen ihre Blutsverwandten und verhelfen damit indirekt Kopien der eigenen Gene zur Fortpflanzung. William D. Hamilton, den viele als Darwin des 20. Jahrhunderts bezeichnen, widmete sich dem Problem Altruismus und berechnete mit Formeln dessen Wahrscheinlichkeit und Nützlichkeit.

Altruismus unter Tieren mag in dem Sinne vielleicht noch erklärbar sein, der Wert menschlichen Altruismus' definiert sich jedoch gerade über Begriffe wie Freiwilligkeit. Hätte man einen Film über Oskar Schindler gedreht, wenn er nur aufgrund eines biologischen Imperativs so gehandelt hätte, wie er gehandelt hat, der sich für irgendwelche Gene als nützlich erwiesen hat? Bedingungslose, uneigennützige Liebe wäre eben nicht mehr bedingslos und uneigennützig, wenn sie irgendwo versteckt doch an irgendwelche Bedingungen und einen, wenn auch indirekten Eigennutz geknüpft wäre. Ein Erklären im Sinne darwinscher Modelle kommt hier einem Wegerklären, einem Zerstören gleich.

Aus rein wissenschaftlicher Sicht mögen solche ethischen Erwägungen irrelevant sein, trotzdem ergibt sich bei dieser Betrachtung letztlich das Bild einer Theorie, die ein Problem mit Selbstlosigkeit und Güte hat und sie aus ihrem Weltbild entfernen möchte. Und die jedem, der glaubt, selbstlos zu handeln, potentiell
unterstellt, letztendlich doch nur eigennützig zu sein. Das ist einer dieser Gründe, warum ich Wissenschaftler nicht verstehe, die nicht das geringste Problem zwischen Evolutionstheorie und christlichem Glauben sehen.*


** Francis Collins hält zwar beispielsweise Altruismus nicht für darwinistisch erklärbar, was aber letztlich auch daraus hinaufläuft, dass man der Darwinschen Theorie die Erklärungsmacht abspricht, die sie für sich einfordert. Bis zu welchem Grad man das macht, wenn man es eh schon macht, scheint wohl eine Frage der persönlichen Konsequenz zu sein.

Dienstag, 17. Juli 2007

X-Men in Tschernobyl

Mutation: it is the key to our evolution. It has enabled us to evolve from a single-celled organism into the dominant species on the planet. This process is slow, and normally taking thousands and thousands of years. But every few hundred millennia, evolution leaps forward.
Mit diesen bedeutungsschwangeren Worten beginnt das 2000er Action-Comic-Spektakel „X-Men“. Die von Patrick Stewart vorgetragene Einleitung könnte aber gleichzeitig als das Credo für das gelten, was Comics-Fans als die Silberne Ära bezeichnen. Nachdem die Goldene Ära von Superman, Batman und Captain America mit dem Zweiten Weltkrieg zuende ging, erlebten die bunt kostümierten Recken vor allem dank des Autoren Stan Lee in den Sechzigern eine Wiederauferstehung.

Während die X-Men ihre Fähigkeiten – ähnlich wie Superman – der ganz normalen Evolution verdanken (die auf Krypton eben weiter fortgeschritten war als auf der Erde*), gehen die Kräfte fast aller Helden der Silbernen Ära auf Mutationen zurück, die durch unfreiwilligem Kontakt mit radioaktiver Strahlung ausgelöst wurden. Die bunten Heftchen illustrieren damit den Zeitgeist der Sechziger; einen durch Raumfahrt, Atomenergie und Evolutionsforschung (Miller und Urey erhellten mit ihren Geistes- und Entladungsblitzen gerade die Klassenzimmer) oft ins Phantastische übersteigerten Wissenschafts-Wunderglauben.

Selbstverständlich gingen diese, eher notdürftig an wissenschaftliche Erklärungen angepassten modernen Volksmärchen selbst an der damaligen wissenschaftlichen Realität meilenweit vorbei. Ein bereits im Eingangstext verstecktes Paradoxon ist beispielsweise, dass es entgegen dem landläufigen Verständnis von Evolution als über Äonen hinweg wirkendem Mechanismus eher saltationistische Punkt-Mutationen sind, die den Protagonisten zu ihren Fähigkeiten verhelfen. (Insofern sind Kreaturen wie der Hulk wohl eher 'hopeful monsters', ähnlich wie das menschenfressende Monster im Horrorfilm „Das Relikt“) Nichtsdestotrotz ist es aus heutiger Sicht sehr interessant, wie etwas so erwiesenermaßen unangenehmes und tödliches wie starke radioaktive Strahlung mit einer Aura des Wundersamen und sogar Heilsbringendem versehen wurde.** Das ist in etwa so, wie wenn heute auf jeder zehnten Zigarettenschachtel ein Aufdruck kleben würde, der darauf hinweist, dass exzessiver Nikotin- und Teer-Genuss in sehr seltenen Fällen auch wundervoll positiv auf die Gesundheit wirken kann.***

* Ursprünglich konnte Supi einfach nur meilenweit springen. Für Verfilmungen wurde das jedoch gegen ein Fliegen ausgetauscht, was zwar besser aussieht, evolutionstechnisch jedoch weniger Sinn ergibt.

** 1) Interessant sind in dem Punkt moderne Verfilmungen dieser Comics. Im 2002er Spider-Man beispielsweise ist die Spinne, deren Biss Parker verwandelt, nicht mehr durch Strahlung mutiert, sondern gezielt genmanipuliert. Praktisch wurde also Zufall als Erklärung gegen eine Art intelligent design ausgetauscht.

2) Tschernobyl ernüchterte zwar erst die Achtziger, im russischen „Chemiekombinat“ Majak ereignete sich jedoch bereits 1957 eine nukleare Havarie, die zwar nicht zuletzt dank sowjetischer Nachrichtenpolitik weniger bekannt ist, trotzdem jedoch weit mehr Schaden an Mensch und Umwelt anrichtete.

*** Da Krebs als Mutation von Genen gesehen wird, die für das Wachstum von Zellen verantwortlich sind, wäre ein solcher Hinweis auf Zigarettenschachteln selbst nach heutigem Verständnis nicht völlig abwegig.

Dienstag, 29. Mai 2007

Der funktionale Tod

Den Vorwurf, der Darwinismus nehme sehr oft quasi-religiöse Züge an, hört man immer wieder, und das nicht nur von Evolutionskritikern. So schrieb der Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse:

"Evolution is promoted by its practitioners as more than mere science. Evolution is promulgated as an ideology, a secular religion—a full-fledged alternative to Christianity, with meaning and morality. I am an ardent evolutionist and an ex-Christian, but I must admit that in this one complaint—and Mr [sic] Gish is but one of many to make it—the literalists are absolutely right. Evolution is a religion. This was true of evolution in the beginning, and it is true of evolution still today."1)
Der Religionssoziolge Franz-Xaver Kaufmann hat sechs Grundfunktionen von Religion herausgearbeitet: "(1) Identitätsstiftung, (2) Handlungsführung, (3) Kontingenzbewältigung, (4) Sozialintegration, (5) Kosmisierung, (6) Weltdistanzierung.“

Allerdings stellt er auch fest:

„Heute gibt es offenkundig keine Instanz und keinen zentralen Ideenkomplex, die im Stande wären, all diese sechs Funktionen in einer für die Mehrzahl der Zeitgenossen plausiblen Weise zugleich zu erfüllen. Wir müssen von der Annahme ausgehen, daß entsprechend der allgemeinen Funktionsdifferenzierung die auf die genannten Probleme gerichteten Leistungen heute von verschiedenen Instanzen erbracht werden. Vieles spricht dafür, daß diese Funktionen heute zumindest teilweise auch von Institutionen erfüllt werden, die im landläufigen Sinne nicht als religiös gelten. [...] Auf der Ebene des Vergleichs einzelner Funktionen scheint somit der Unterschied zwischen religiösen und nichtreligiösen Phänomenen weitgehend
eingeebnet."2)
Zur Kontingenzbewältigung kann man verkürzt sagen: Religion stellt einen Erklärungsrahmen zur Verfügung, durch den an sich Inakzeptables akzeptabel wird – Dinge, bei denen man nur die Wahl zwischen Anerkennung oder Verzweiflung hat: Krankheiten, Naturkatastrophen, Verbrechen, Tod. Viele Philosophen sahen und sehen in der psychologischen Bewältigung des Todes denn auch die primäre Motivation für Religion überhaupt – Religion als infantiler Verdrängungsmechanismus für das Menschheitstrauma schlechthin.

Der Tod, also das ultimative Ende der eigenen Existenz, kann für jedes bewusst existierende Wesen eigentlich nur der absolute Super-GAU sein. Die Sinnlosigkeit an sich. Denn jegliche Sinngebung ist an kognitive Prozesse geknüpft; enden die individuellen kognitiven Prozesse – was beim Tod unvermeidbar der Fall ist – wird damit auch jegliche individuelle Sinngebung hinfällig. Ein Konstrukt, das dem Tod eine tröstliche Sinnhaftigkeit zubilligt, muss deshalb über den Horizont des einzelnen Individuums weit hinausgehen.

Die meisten Religionen verweisen dazu auf eine übernatürliche Sphäre. Die materiellen Vorgänge im Gehirn allein seien nicht das, was unsere Existenz als selbstbewusste Wesen ausmache. Deshalb könne der Funktionsausfall der materiellen Komponenten eines Individuums auch nicht seine komplette Nichtexistenz herbeiführen.

In den Haupt-Ausprägungen der drei großen monotheistischen, abrahamitischen Religionen wird der Tod des physischen Leibes daher als Transit eines vorübergehenden Zustandes in einen ursprünglichen Zustand gesehen. Der Tod hat eine Funktion, damit einen Sinn, und damit etwas akzeptables, tröstliches. Obwohl diese Thematik im christlichen Weltbild etwas komplexer ist, sei hier beispielhaft das Gleichnis aus 1. Korinther 15:36 genannt: Das Weizenkorn als solches muss sterben, um eine Weizenpflanze hervorbringen zu können.

In atheistischen Religionen wie dem Buddhismus hat der Tod (der physischen Manifestation) eines Individuums die Funktion, das Individuum, bzw. gewisse mentale Kräfte desselben einer geistigen Läuterung zu unterziehen, der Befreiung vom Karma.

In dieser postulierten Funktionalität des für das Individuum eigentlich völlig sinnlosen Todes zeigt sich eine grundlegende Gemeinsamkeit des Darwinschen Evolutionsgedankens mit den meisten Religionen. Die so genannte natürliche Auslese selektiert weniger „fittere“ Lebewesen aus, sondern eliminiert eher alle „nicht fitten“ Lebewesen, zum Wohle der fitteren. Der Sensenmann ist also auch hier weniger eine absolut destruktive, sinnfreie, willkürliche Realität, sondern vielmehr ein notwendiger, rational begründbarer Geburtshelfer unserer eigenen Existenz. Sozusagen in der Funktion der Eliminierung von „Nicht-Fitness“, oder – wenn man so will – materiellen Karmas.

1) Ruse, M., How evolution became a religion: creationists correct? National Post, pp. B1,B3,B7 May 13, 2000.
2) Franz-Xaver Kaufmann: Religion und Modernität. Sozialwissenschaftliche Perspektiven. Tübingen.

Dienstag, 24. April 2007

Charles Robert D. - Ein Nachruf


Vor gut 125 Jahren - am 26. April 1882 wurde Charles Robert Darwin in der Londoner Westminster Abbey bestattet. Am 19. April des selben Jahres verstarb Charles Robert Darwin im Londoner Stadtteil Downe im Alter von 73 Jahren. Obwohl sein Beitrag zur westlichen Zivilisation zu diesem Zeitpunkt aus zahlreichen wissenschaftlichen Abhandlungen inclusive berühmter Werke wie "Die Entstehung der Arten" und "Die Abstammung des Menschen" bestand, wird heute der 12. Februar als "Darwin Day" mit Evolutionshymnen und Stammbäumen aus Schokolade gefeiert, der Tag, an dem Darwins Beitrag zur westlichen Zivilisation vor allem aus einem ungehemmten Schreien bestand. Die Herausgabe von "Die Entstehung der Arten" am 24. November 1859 wird als "Evolution Day" begangen. Einige christliche Kirchen feiern den Sonntag, der Darwins Geburtstag am nächsten liegt, als "Evolution Sunday". 2009 wird sowohl das 150. Jubiläum der Veröffentlichung von "Die Entstehung der Arten" gefeiert, als auch der 200. Geburtstag von Charles Robert Darwin.

Am 23. Juni jährt sich zudem der Todestag von Charles Robert Darwins Schildkröte Harriet zum ersten Mal, die 2006 im Alter von 176 Jahren im Australia-Zoo im nordöstlichen australischen Bundesstaat Queensland an Herzversagen verstarb. Falls entsprechende Pläne nicht bereits vorliegen, sei hiermit der 23. Juni als offizieller Harriet-Day vorgeschlagen.

Am 19. April 1882 hörte Charles Robert Darwin also auf zu existieren - Was an dieser Stelle Anlaß zu folgender Frage sein soll: Was wäre, wenn er nie existiert hätte? Darwins Evolutionstheorie beruhte - wie so viele Theorien und Erfindungen - auf zahlreichen, ihm vorangegangenen Arbeiten und Beobachtungen. Bereits sein Großvater, der Naturwissenschaftler, Erfinder und Poet Erasmus Darwin formulierte in seinem Werk Zoonomia die Idee, dass alles Lebendige von einem gemeinsamen Vorfahren abstamme - für ihn mikroskopisch kleine Muscheln - und sich somit ein Stammbaum aller Lebensformen konstruieren lassen müsse. Zeitgleich mit Charles Darwin entwickelte Alfred Russel Wallace die Theorie einer natürlichen Ursache für Evolution durch graduelle Variation und natürliche Selektion.

Die Annahme liegt nahe, dass die Zeit einfach reif war für eine Theorie, wie sie Darwin formulierte. Und vielleicht erntete Darwin allen Ruhm, weil er einen einmaligeren und zur Ikonenbildung geigneteren Namen hatte als Wallace. Alfred Russel Wallace hätte mit Edgar Wallace konkurrieren müssen, und vielleicht hätte man später "Der Frosch mit der Maske" für einen Dokumentarfilm über Mimikry unter Amphibien gehalten -- während der Name Darwin - abgesehen vom heute eher vergessenen Erasmus Darwin - etwas einmaliges hat. Er geht leicht über die Lippen - man denke an Darwin im Kreuzverhör, Darwins Irrtum, Darwins Alptraum, etc. - und enthält zudem das englische Wort 'win'.

Eine eindeutigere Antwort liefern aber vielleicht diejenigen, die heute Darwins Theorie zu widerlegen versuchen. Wissenschaftler, die den Gedanken einer gemeinsamen, rein naturalistisch erklärbaren Abstammung allen Lebens auf der Erde anzweifeln. Die Annahme übernatürlicher Wirkprinzipien - wie sie für Newton, Kepler und Co. noch selbstverständlich war - gilt heute als unwissenschaftlich, als intellektuelle Bankrott-Erklärung.

Was aber resultiert aus dem Ausschluß übernatürlicher Wirkprinzipien im Bereich der Biologie? Was wäre geschehen, wenn man die "Arbeitshypothese Gott" in der Astronomie und der Physik erfolgreich aufgegeben, aber nur in der Biologie keine befriedigende naturalstische Alternative gefunden hätte? Also kein Survival of the fittest, etc? Hätten sich Biologen für intellektuell bankrott erklären lassen? Ich glaube eher, man hätte die "Hypothese Gott" auch in der Biologie aufgegeben, und zwar auch ohne eine befriedigende Alternative. Hätte man sich dann nicht die Lebensformen angesehen und angenommen, dass die komplexeren auf die einfacheren zurückzuführen sein müssten? Und die einfacheren wiederum auf chemische Prozesse unbelebter Materie? Und würde man nicht jede Fähigkeit von Lebewesen zur Veränderung grundsätzlich als Beweis für eine gemeinsame, realgenetische Abstammung sehen, als Mechanismen, die man nur richtig extrapolieren muss? Wäre die Abstammung des Menschen von primatenartigen Säugetieren nicht weniger eine Theorie, sondern vielmehr die einzig logische Konsequenz einer naturalistisch-wissenschaftlich betriebenen Biologie? Und das alles ohne Charles Robert Darwin?